Roman: Herbjørg Wassmo: Schritt für Schritt

wassmo-schrittxVerpackte Ebereschen & verschwiegene Gewalt

Dass dieser autobiographisch gefärbte Roman der norwegischen Schriftstellerin Herbjørg Wassmo in seinem Erscheinungsjahr 2016 nicht die Aufmerksamkeit erhielt, die ihm gebührte, könnte man als symptomatisch verstehen, denn von der Unsichtbarkeit der Frauen wird darin erzählt – auf unprätentiöse, bildhafte und dennoch karge Weise.

Sie ist siebzehn, als sie ihren Sohn zur Welt bringt. Sie, die Namenlose, will den Sommerflirt, der zu der Schwangerschaft beitrug, nicht heiraten. Aber etwas tun muss sie, einen Beruf finden, damit sie sich und den Jungen durchbringen kann. Weder er noch die Eltern, noch der Dichter, der durch ihre Träume schreitet, haben Namen. Sie haben ausschließlich Funktionen. Vom Dichter ist anzunehmen, dass es sich um Knud Hamsun handelt (er erhielt den Nobelpreis und eine Verurteilung wegen Kollaboration mit der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs). In der Funktion steckt – frei nach Hannah Arendt – zumindest die Möglichkeit von Grausamkeit, denn extrem gedacht, handeln wir in ihr nicht als denkende Wesen. Im Roman beschreibt die Namenlosigkeit die Fremdheit und Abgespaltenheit von sich selbst und der Welt. Doch nicht alle sind ohne Namen. Raskolnikow nicht und nicht Simone de Beauvoir, die Schriftstellerin Sara nicht und nicht die arme Marie. Weiterlesen

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Lasst uns singen, Schwestern

#womensday
Hier hab ich was dazu geschrieben:

Herland

… am einzigen unsrigen Tag von den 365.

James Oppenheim schrieb den Text zu diesem Lied, das zum Streik der Textilarbeiter*innen am 11. Januar 1912 den Soundtrack bildete. 14 000 Menschen gingen auf die Straßen von Lawrence, Massachusetts, USA, –  gegen Hungerlöhne, Kinderarbeit und  inhumane Arbeitsbedingungen. Die Frauen demonstrierten in vorderster Front.

brot und rosen

Zweifellos ist in den letzten 100 Jahren eine Menge passiert. Und wir Mitteleuropäerinnen führen durch Glück, Kampf und die Folgen der Kolonialisierung ein vergleichsweise privilegiertes Leben. Aber unsere Rechte sind längst nicht durchgesetzt, auch wenn sie in der Verfassung verankert sind. Sie werden angezweifelt und stehen auf schwankendem Grund. Das jedenfalls ist die alltägliche Erfahrung. Ich brauche keiner zu erzählen, was alles nicht geht. Oder doch? Soll ich echt noch mal von den fehlenden Frauen in Führungspositionen, in der Politik, von Gewalt, Herabsetzung, zweifelhafter Arbeitsteilung und von der „Einkommenslücke“ reden? Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist eine Forderung…

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Brandgeruch

atom1Wir haben friedlich im Friedlichen gesessen,

haben Schwachsinn und Werbung geguckt,

unsere Ängste gepflegt,

Kränkung, Scham und Hass geleckt,

Wir haben weitergezappt,

über den Balkan und übers Mittelmeer.

Getrunken bis in den Schlaf.

Wir hatten unsere Probleme,

mit Vätern und Müttern,

Chips, Schokolade und Sucht.

Wir haben ganz schön geweint

über die Welt.

Die Rauchmelder haben wir ausgeknipst,

als sie schrillten.

Bis das Land brannte,

und unsre Kinder uns fragten –

Was habt ihr getan.

Da mussten wir sagen:

NICHTS.

 

 

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Bücher werden nicht alt, jedenfalls nicht schnell

Deswegen möchte ich an dieser Stelle auf den diesen Jahresrückblick aufmerksam machen. 49 Autor*innen erzählen, welche Bücher, Filme, Ausstellungen, Events ihnen 2016 gefielen oder welche sie entbehrlich fanden. Lasst Euch inspirieren von dem großen

CULTurMAG-Jahresrückblick 2016

cm-2016

 

Außerdem wählte unsere Jury die besten Kriminalromane des Jahres. Die Liste findet Ihr unter:

CrimeMag – Top Ten 2016

Viel Vergnügen beim Stöbern.

Am 15.1.2017 meldet sich das CrimeMag erstmals in diesem Jahr mit vielen frischen Beiträgen.

 

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An das Jahr

schnee

Nun geh schon, Jahr!

Pack deinen Sack.

Nimm die gebrauchten Tage mit,

und lass die süßen Stunden da.

Die pflanze ich

ins frische Beet,

dass Spaß und Unfug draus wuchern,

und genug Zeit wächst fürs Denken.

 

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Winter

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Amanda Lee Koe, Ministerium für öffentliche Erregung – wunderbare Geschichten!

 

51ckshkcb6l-_sx310_bo1204203200_Amanda Lee Koe, Ministerium für öffentliche Erregung, Storys, CulturBooks Hamburg 2016, 240 Seiten, 22,- Euro, eBook: 14,99 Euro

 

Diese Sammlung bezaubernder, anrührender, tragischer und zu tiefst menschlich-liebevoller Erzählungen hat mich in diesem Jahr am aller meisten beeindruckt. Es ist, als seien die Geschichten gehäutet, befreit von einer Schicht Romantisierungslüge, der Rücksicht und Beschönigung entkleidet. Sie erzählen nicht nur von ihrer Herkunft, Singapur, sondern von der Welt und dem, was soziales Leben möglich macht – der Liebe, auch wenn sie längst nicht immer glückt. Großartig!

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5 Punkte, wie du kommunizieren kannst, ohne deinen Nächsten auf die Zwölf zu hauen – #respectspeech!

dsc_3858_2660Wir merken es alle – in der U-Bahn, in der Arbeit, auf den Schulhöfen, im Netz. Der soziale Umgang ist rau, euphemistisch ausgedrückt. Wer kann nicht von Beschimpfung, Herabsetzung, Drohung, Pöbelei oder gar handgreiflicher Gewalt berichten? Je nach Position, Kontext, konkreter Situation und Ausmaß doch sicher jede*r. Draußen auf den Straßen tummeln sich Zukurzgekommene, Verschwörer und ihre Theoretiker, Schläger, Einfältige und Brandstifter. Im Netz verstecken sie sich nicht einmal mehr hinter Aliassen. Sie schüren Angst und Hass und projizieren das verquaste Paket auf „die Anderen“, wobei „die Anderen“ nicht genau definiert sind. Die sind halt irgendwie … anders. Will heißen, schlecht. Auf jeden Fall schlechter als man selbst. Und sie nehmen sich etwas, das ihnen nicht zusteht: Arbeit, staatliche Fürsorge, Wohnraum, Unabhängigkeit ect. Kurz: Lebensgrundlagen. Insofern sind „die Anderen“ schuld am Elend, besonders am zukünftigen Elend, der Richtigen, Rechten, Rechtgläubigen, derer, die den rechtmäßigen Anspruch bei sich wissen. Der Mechanismus, der diesem Denken zugrunde liegt, ist seit ein paar Tausendjahren bekannt (3. Mose; 10,11: „Der Bock […] soll lebend vor den Herrn gestellt werden, um für die Sühne zu dienen und zu Asasel in die Wüste geschickt zu werden. […] sein eigenes Sündopfer herbeibringen lassen, um sich und sein Haus zu entsühnen, und diesen Jungstier als Sündopfer für sich schlachten.“) Auf ihm gründelt das „christliche Abendland“. Kein Wunder, dass der Sündenbock mal wieder herhalten muss, wenn Ressourcen knapper werden oder die Furcht vor Verknappung zunimmt. Nur ist halt das arme Böcklein nicht schuld. Das weiß auch das Ritual. Es wird ja veranstaltet, damit Wut und Hass nicht die sozialen Systeme sprengen. Momentan klappt das nicht so gut, jedenfalls nicht, wenn man alle Menschen als der Gemeinschaft zugehörig versteht. Der Hass rekrutiert die Sündenböcke direkt aus unserer Mitte, wie das eben in pathologischen Familien so ist. Deswegen will ich ab nun nicht mehr von „ihnen“ sprechen, die da ihre Hassbotschaften in die Welt posaunen, das wäre Ausgrenzung. Aber wenn wir alle mal in unserem Inneren forschen – ganz tief unterm Humanismus lauern Stückchen von Bosheit, Sadismus, Egoismus, Missgunst und Niedertracht. Nur keine Illusionen: Die wohnen in jedem von uns. Erfreulicherweise bei den meisten gezähmt und befriedet.

Nun kann man sich mit der Pathologie der Gesellschaft befassen, oder man kann nach Gründen für die Hass-Kommunikation im Öffentlichen fahnden. Auf diesem Denkweg findet man sicher historische, soziale und ökonomische Faktoren, die man anschauen und differenzieren könnte. Das ist auch interessant, aber wenig zielführend. Erkenntnis ist zwar toll, hat aber durchaus nicht immer Handlungsrelevanz.

Deswegen: Ich hab dermaßen die Schnauze voll von Hass und Dummheit! Da is jetzt Schluss mit! Jetzt wird freundlich kommuniziert! Los! Jetzt! Bevor sich der Hass einnistet. Weil: Wir hatten ihn schon mal. Und er hat die größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte produziert. Hier also 5 Punkte, WIE das geht:

  1. Guck alle Leute als menschliche Wesen an, wie du selbst eins bist, denn der Andere hat genauso rote Erythrozyten, wie du selbst.
  2. Sag: Guten Tag oder Moin oder Servus, bitte und danke, und das ganze Programm – und mein das auch so, denn die/der Andere ist NICHT dein*e Feind*in, erstmal, selbst wenn er/sie nicht dein*e Freund*in ist.
  3. Lächeln! Los! Das hilft für den Anfang.
  4. Sag deinen Mitmenschen was Freundliches, Hilfreiches, Ermutigendes. Da freuen die sich und du freust dich, dass die sich freuen, und dann freuen die sich wieder … usw.
  5. Rede mit Leuten, wie du möchtest, dass die mit dir reden. Mit allen!

So. Das muss erstmal reichen. Probier’s aus und berichte drüber. Und: sag es weiter. Prognostisch ist damit zu rechnen, dass es gute Laune macht. #respectspeech!

Habt einen guten Tag und eine heitere Zeit. Alle!

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September, dieser Halunke

dsc_0527Der September gibt sich als wackerer Blender.

Er staubt das Grün noch einmal ab,

und stellt die Sonne schräg.

Er pflügt und mäht, drischt und sät.

Für den Winter.

Revolutionärinnen schickt er aufs Land,

den Juden ruft er Shana tova!

Zur Schule treibt er die Kinder.

Er fährt die Sommerlieben ein

und hängt die Trauben hoch.

Denn Keine und Keiner soll

ohne Wein weinen

im November.

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„Noch ein wenig Zeit“, Hans Zengeler – eine Rezension

41xwil2npfl-_sx320_bo1204203200_Tod & Glück

Ab 50 bist du fast tot, ab 60 ganz tot, ab 70 bist du mausetot – je nach geburtsdatumsbedingter Perspektive. Und wenn nicht tot, dann weg, unsichtbar, weil grau, faltig und krank, inkompetent sowieso, niedlich geradezu. Ist nicht das Alter der Schrecken derer, die Jugendlichkeit als Existenzbeweis vor sich her tragen müssen?

Josef Bloch hat sich mutig hineingetraut ins Senium, mit seiner Ira, der Nicht-Ehefrau seit einem Vierteljahrhundert. Doch im vierten Band von Hans Zengelers Romanreihe zeigt sich das Alter zunächst in seinen finstersten Farben. Bloch trauert. Er trauert nicht einfach milde vor sich hin, sondern er ist außer sich, verzweifelt, halt- und orientierungslos nach dem Tod seiner Geliebten. Kein Tag, an dem es hell werden würde, keine Gegenwart, eine Zukunft schon gar nicht. Sein Kopf ist voll von Iras Bildern – wie sie geht, wie sie lacht, wie sie nach Luft ringt. Die Erinnerung an ihr Sterben, Hindämmern in der Klinik, durchwachte Nächte Bloch am Noch-Leben lauschend, wechselt mit dem öden Jetzt, in dem er sich nicht mehr findet. Weiterlesen

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