Bücher werden nicht alt, jedenfalls nicht schnell

Deswegen möchte ich an dieser Stelle auf den diesen Jahresrückblick aufmerksam machen. 49 Autor*innen erzählen, welche Bücher, Filme, Ausstellungen, Events ihnen 2016 gefielen oder welche sie entbehrlich fanden. Lasst Euch inspirieren von dem großen

CULTurMAG-Jahresrückblick 2016

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Außerdem wählte unsere Jury die besten Kriminalromane des Jahres. Die Liste findet Ihr unter:

CrimeMag – Top Ten 2016

Viel Vergnügen beim Stöbern.

Am 15.1.2017 meldet sich das CrimeMag erstmals in diesem Jahr mit vielen frischen Beiträgen.

 

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An das Jahr

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Nun geh schon, Jahr!

Pack deinen Sack.

Nimm die gebrauchten Tage mit,

und lass die süßen Stunden da.

Die pflanze ich

ins frische Beet,

dass Spaß und Unfug draus wuchern,

und genug Zeit wächst fürs Denken.

 

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Winter

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Amanda Lee Koe, Ministerium für öffentliche Erregung – wunderbare Geschichten!

 

51ckshkcb6l-_sx310_bo1204203200_Amanda Lee Koe, Ministerium für öffentliche Erregung, Storys, CulturBooks Hamburg 2016, 240 Seiten, 22,- Euro, eBook: 14,99 Euro

 

Diese Sammlung bezaubernder, anrührender, tragischer und zu tiefst menschlich-liebevoller Erzählungen hat mich in diesem Jahr am aller meisten beeindruckt. Es ist, als seien die Geschichten gehäutet, befreit von einer Schicht Romantisierungslüge, der Rücksicht und Beschönigung entkleidet. Sie erzählen nicht nur von ihrer Herkunft, Singapur, sondern von der Welt und dem, was soziales Leben möglich macht – der Liebe, auch wenn sie längst nicht immer glückt. Großartig!

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5 Punkte, wie du kommunizieren kannst, ohne deinen Nächsten auf die Zwölf zu hauen – #respectspeech!

dsc_3858_2660Wir merken es alle – in der U-Bahn, in der Arbeit, auf den Schulhöfen, im Netz. Der soziale Umgang ist rau, euphemistisch ausgedrückt. Wer kann nicht von Beschimpfung, Herabsetzung, Drohung, Pöbelei oder gar handgreiflicher Gewalt berichten? Je nach Position, Kontext, konkreter Situation und Ausmaß doch sicher jede*r. Draußen auf den Straßen tummeln sich Zukurzgekommene, Verschwörer und ihre Theoretiker, Schläger, Einfältige und Brandstifter. Im Netz verstecken sie sich nicht einmal mehr hinter Aliassen. Sie schüren Angst und Hass und projizieren das verquaste Paket auf „die Anderen“, wobei „die Anderen“ nicht genau definiert sind. Die sind halt irgendwie … anders. Will heißen, schlecht. Auf jeden Fall schlechter als man selbst. Und sie nehmen sich etwas, das ihnen nicht zusteht: Arbeit, staatliche Fürsorge, Wohnraum, Unabhängigkeit ect. Kurz: Lebensgrundlagen. Insofern sind „die Anderen“ schuld am Elend, besonders am zukünftigen Elend, der Richtigen, Rechten, Rechtgläubigen, derer, die den rechtmäßigen Anspruch bei sich wissen. Der Mechanismus, der diesem Denken zugrunde liegt, ist seit ein paar Tausendjahren bekannt (3. Mose; 10,11: „Der Bock […] soll lebend vor den Herrn gestellt werden, um für die Sühne zu dienen und zu Asasel in die Wüste geschickt zu werden. […] sein eigenes Sündopfer herbeibringen lassen, um sich und sein Haus zu entsühnen, und diesen Jungstier als Sündopfer für sich schlachten.“) Auf ihm gründelt das „christliche Abendland“. Kein Wunder, dass der Sündenbock mal wieder herhalten muss, wenn Ressourcen knapper werden oder die Furcht vor Verknappung zunimmt. Nur ist halt das arme Böcklein nicht schuld. Das weiß auch das Ritual. Es wird ja veranstaltet, damit Wut und Hass nicht die sozialen Systeme sprengen. Momentan klappt das nicht so gut, jedenfalls nicht, wenn man alle Menschen als der Gemeinschaft zugehörig versteht. Der Hass rekrutiert die Sündenböcke direkt aus unserer Mitte, wie das eben in pathologischen Familien so ist. Deswegen will ich ab nun nicht mehr von „ihnen“ sprechen, die da ihre Hassbotschaften in die Welt posaunen, das wäre Ausgrenzung. Aber wenn wir alle mal in unserem Inneren forschen – ganz tief unterm Humanismus lauern Stückchen von Bosheit, Sadismus, Egoismus, Missgunst und Niedertracht. Nur keine Illusionen: Die wohnen in jedem von uns. Erfreulicherweise bei den meisten gezähmt und befriedet.

Nun kann man sich mit der Pathologie der Gesellschaft befassen, oder man kann nach Gründen für die Hass-Kommunikation im Öffentlichen fahnden. Auf diesem Denkweg findet man sicher historische, soziale und ökonomische Faktoren, die man anschauen und differenzieren könnte. Das ist auch interessant, aber wenig zielführend. Erkenntnis ist zwar toll, hat aber durchaus nicht immer Handlungsrelevanz.

Deswegen: Ich hab dermaßen die Schnauze voll von Hass und Dummheit! Da is jetzt Schluss mit! Jetzt wird freundlich kommuniziert! Los! Jetzt! Bevor sich der Hass einnistet. Weil: Wir hatten ihn schon mal. Und er hat die größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte produziert. Hier also 5 Punkte, WIE das geht:

  1. Guck alle Leute als menschliche Wesen an, wie du selbst eins bist, denn der Andere hat genauso rote Erythrozyten, wie du selbst.
  2. Sag: Guten Tag oder Moin oder Servus, bitte und danke, und das ganze Programm – und mein das auch so, denn die/der Andere ist NICHT dein*e Feind*in, erstmal, selbst wenn er/sie nicht dein*e Freund*in ist.
  3. Lächeln! Los! Das hilft für den Anfang.
  4. Sag deinen Mitmenschen was Freundliches, Hilfreiches, Ermutigendes. Da freuen die sich und du freust dich, dass die sich freuen, und dann freuen die sich wieder … usw.
  5. Rede mit Leuten, wie du möchtest, dass die mit dir reden. Mit allen!

So. Das muss erstmal reichen. Probier’s aus und berichte drüber. Und: sag es weiter. Prognostisch ist damit zu rechnen, dass es gute Laune macht. #respectspeech!

Habt einen guten Tag und eine heitere Zeit. Alle!

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September, dieser Halunke

dsc_0527Der September gibt sich als wackerer Blender.

Er staubt das Grün noch einmal ab,

und stellt die Sonne schräg.

Er pflügt und mäht, drischt und sät.

Für den Winter.

Revolutionärinnen schickt er aufs Land,

den Juden ruft er Shana tova!

Zur Schule treibt er die Kinder.

Er fährt die Sommerlieben ein

und hängt die Trauben hoch.

Denn Keine und Keiner soll

ohne Wein weinen

im November.

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„Noch ein wenig Zeit“, Hans Zengeler – eine Rezension

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Ab 50 bist du fast tot, ab 60 ganz tot, ab 70 bist du mausetot – je nach geburtsdatumsbedingter Perspektive. Und wenn nicht tot, dann weg, unsichtbar, weil grau, faltig und krank, inkompetent sowieso, niedlich geradezu. Ist nicht das Alter der Schrecken derer, die Jugendlichkeit als Existenzbeweis vor sich her tragen müssen?

Josef Bloch hat sich mutig hineingetraut ins Senium, mit seiner Ira, der Nicht-Ehefrau seit einem Vierteljahrhundert. Doch im vierten Band von Hans Zengelers Romanreihe zeigt sich das Alter zunächst in seinen finstersten Farben. Bloch trauert. Er trauert nicht einfach milde vor sich hin, sondern er ist außer sich, verzweifelt, halt- und orientierungslos nach dem Tod seiner Geliebten. Kein Tag, an dem es hell werden würde, keine Gegenwart, eine Zukunft schon gar nicht. Sein Kopf ist voll von Iras Bildern – wie sie geht, wie sie lacht, wie sie nach Luft ringt. Die Erinnerung an ihr Sterben, Hindämmern in der Klinik, durchwachte Nächte Bloch am Noch-Leben lauschend, wechselt mit dem öden Jetzt, in dem er sich nicht mehr findet. Weiterlesen

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Erzählungen: Jan Lindner: Auf Teufel komm Rausch

aufteufel0750web-174x260Üppig, bunt, absurd

Dem „großen Kakadu“ zu opfern, auf dass er das Volk vor dem Untergang bewahre, ist eine Möglichkeit, mit Angst und Unsicherheit in fragilen Zeiten umzugehen, wenn vielleicht keine recht gelungene, wie man der ersten Geschichte in Jan Lindners gerade erschienen Erzählband entnehmen kann. Zur Vorsorge vor Ungemach stellt der Autor „Sieben deftige Gründe, warum man nicht mit Brot über die Straße gehen sollte“ zur Verfügung, außerdem berichtet er über den katastrophalen Spielverlauf „Eintracht Prügel vs. Hangover 96“, die „Im Eifer des Gezechs“ aneinander geraten. Schon die Titel der Erzählungen versprechen Absurdes – und sie enttäuschen nicht. Da wird Mareike von einer Matrjoschka mit Tierornamentdekor auf einem Jahrmarkt entzückt und ihr Papa verwandelt sich für sie in jedes Tier, das die Kleine in ihm sehen mag. Wenn das keine Liebe ist? Weiterlesen

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Ver-rückt? Eine Frage der Perspektive!

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Der Condor ist verrückt.

Wer das sagt? Der Condor alias Vin, Ronald Malcolm mit bürgerlichem Namen, selbst, der Klappentext, sein Autor (Sonja Hartl, Kulturjournalistin, führte ein Interview mit James Grady.) und Die Welt.

Gegen PTBS, paranoide Psychose, Angstzustände, Depression und noch ein paar nicht klassifizierte Diagnosen ist der Condor so sicher mediziert, dass er im Keller der Library of Congress, Washington D.C., Bücher in zu bewahrende und zu entsorgende trennen darf. Wer den Condor kennt, weiß, dass er 1974 als Agentenfrischling in Romanen nach geheimdiensttauglichem Material forschte.

Inzwischen ist er alt, desillusioniert und physisch wie psychisch angeschlagen. Mit der Selektion von Büchern richtet man nicht viel Schaden an, meint die Homeland Security, die ihm den sicheren Job verpasste. Weiterlesen

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Ruppig & poetisch – „Mississippi Jam“ von James Lee Burke

51z+a1IKLlL._SX311_BO1,204,203,200_Herumliegende Nazi-U-Boote gelten heute vielleicht als historisch interessant, aber nicht als besonders spektakulär. Im Louisiana der 1990er Jahre (Originaltitel des Romans: Dixie City Jam, 1994. Zur seltsamen Publikationsgeschichte in Deutschland ist hier und hier etwas zu lesen.) interessieren sich gleich mehrere schräge Typen für ein solches Objekt, das allerdings noch nicht zugänglich über den Grund des Atlantik schrappt. Dave Robicheaux, Ex-Cop, Ex-Trinker, Ex-Soldat, der sich in 19 weiteren Romanen der Reihe durch die kriminellen Milieus der Bayous schlägt, wird von einem jüdischen Gangster beauftragt, das vor der Küste vermutete U-Boot aufzuspüren. Viel Lust danach zu tauchen, hat Dave nicht, doch fehlt ihm das Geld, um die Kaution für seinen zu Unrecht inhaftierten Freund Batist aufzubringen. Kaum hat er sich durchgerungen, gerät er ins Visier eines psychopathischen Neonazis und zwischen alle Fronten, denn sein grobmotorischer Kumpel Clete, planiert das Anwesen eines Mafiabosses im Zorn.

Zornig, ja zornig ist dieses Buch, getragen von ausdifferenzierten Persönlichkeiten als Figuren, die jeweils spezifisch mit der Wut, erzeugt von den Brüche in ihren Biographien, umgehen – die männlichen Figuren typischerweise progressiv i.S. der Aggression, die weiblichen eher regressiv zum eigenen Nachteil, wie Daves Partnerin, die mit posttraumatischen Symptomen auf die Attacken des Neonazis, Buchhalter heißt er, reagiert. Genauso angepasst nur unter umgekehrten Vorzeichen die angebliche Nonne, die sich mit dem einlässt, den sie für mächtig hält.

Und poetisch ist dieses Buch auch. Orte, Landschaften, Atmosphären beschreibt der Autor so sinnlich, dass man fast die Gischt spüren kann, wenn Daves Boot durch die Wellen schneidet. Aber romantisch ist dabei nix, denn Rassismus, Gier und Gewalt tropfen aus Dialogen und Beschreibungen. Selbst das Schöne erhält eine Schicht Staub, ein Odeur von Moder oder einen Sprung im Glatten, sodass sich die Komplexität menschlichen 9783865325488_-122x186Verhaltens im Poetischen spiegelt.

In Kürze zu erwarten ist Neonregen beim Pendragon Verlag. Man darf sich vorfreuen!

 

James Lee Burke, Mississippi Jam, Roman, Pendragon Verlag, Bielefeld 2016, Aus dem Amerikanischen: Jürgen Bürger, 576 S., 17,99 Euro

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