Jazz, Wein, Liebe // und der Keller

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Wir haben sie im Keller untergebracht. Wir mussten. Wir können sie nicht mehr in unserer Mitte dulden. Es sind 13 und sie leben ganz passabel da unten. Wir haben den Keller natürlich gestrichen, nicht nur die Wände, auch die Stahltüren ihrer Appartements. Ich sage lieber Appartements als Zellen. Das klingt nicht nur hübscher, die Räume sind es auch. Bequeme Betten und aparte Möbel wohnen darin, es gibt Computer, ohne Internet versteht sich, und separate Bäder. Die Klos haben eine Brille, anders als im Knast. Die 13 werden mit gesunder Kost versorgt und manchmal lassen wir sie raus in ein abgetrenntes Areal, wegen des Vitamin D und der Knochen. Einzeln natürlich, damit sie sich nicht erneut infizieren. Kleidung und Bücher bekommen sie, müssen auf nichts verzichten. Außer auf ihre Namen, die Freiheit. Und auf uns.

Wir leben oben. Im Freien. Vom Dach aus kann man übers Land schauen. Weit. Bis zum Sonnenuntergang.

Wir sind auch 13: Gesine und ihre Tochter Lea. Mahmud und sein Freund Sven. Tomasz und seine Oma Maria. Julia und die Zwillinge Paul und Sophie. Herbert und Helena. Ly und ich. Sabine ist tot. Lea ist ein Schatten, ganz dünn und bleich ist sie geworden nach dem, was sie ihr angetan haben.

Deswegen dürfen die Anderen nicht mehr unter uns sein. Was wir ihnen zugestehen ist: Sein.

Früher hatten wir ein gutes Leben alle miteinander. Gearbeitet hat jede und jeder. Und den Garten bestellt, die Böden geschrubbt, Gedichte vorgelesen, Wodka getrunken. Manchmal sind wir uns aus dem Weg gegangen – das Haus ist groß genug – manchmal haben wir einander in den Armen gelegen. Dann ist irgendetwas passiert. Ich weiß nicht, wie es dazu kam. Lea wollte nicht. Einer von denen bestand darauf. Die Brombeeren waren reif und er hat Lea hinter der Hecke vergewaltigt. Lea schwieg. Die Anderen haben sich dann im Keller getroffen. Einer nach dem anderen ist hinunter und hat sich infiziert mit dem bösen Geist der Macht. Oben haben wir Lea blasser werden sehen über den Winter und nichts gemerkt. Als die Schlehen blühten, hat Sabine einen erwischt. Sie hat ihm die Faust ins Gesicht gerammt, dass seine Nase brach. Sabine war die Stärkste von uns. Dafür haben sie sie totgeschlagen.

Wenn Lea an Sabines Grab steht, fallen ihre Tränen auf die Gänseblümchen, die davon große schöne Margeriten werden. Noch lange wird sie Gänseblümchen zu Margeriten gießen. Bei Sabines Beerdigung haben wir beschlossen, dass keine und keiner mehr schweigt. Nie mehr.

DSC_5095_3872Wie wir Lea und uns von den anderen befreit haben, sag ich nicht. Es war wirklich nicht ganz in Ordnung. Aber es ist keiner daran gestorben und nun hocken sie in ihren Kellern und müssen lesen und nachdenken, mit den Spinnen sprechen und zusehen, wie die Asseln busseln, bis die Genetik und die Entropie siegen.

Ich geh jetzt in die Küche und koche Spagetti für alle, Herbert hackt Oregano aus dem Garten, Tomasz schneidet sonnige Tomaten. Ly jazzt die Internationale auf dem Saxophon. Am Shabbat essen wir immer auf dem Dach. Mit rotem Wein für jede und jeden, und mit dem Blick auf die Welt. Lea hat schon etwas Farbe bekommen von meinen Spagetti. Und von der Liebe.

2 Kommentare

  1. Liebe Anne!
    So spröde und karg und dabei so schön ist sie, deine Sprache, weil sie entblättert und abgeschminkt sich und alles in ihr reduziert auf das, was zählt: der dichteste Moment der Wahrheit. Vielleicht nur eine Utopie, aber ich möchte daran glauben, dass wir irgendwann alle auf Dächern sitzen werden, die Keller leer, und gemeinsam Wein trinken werden, wie er in den heißesten Ländern wächst: trocken, tiefrot und wahr.
    Hach!

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