Mini-Literatur

dbSieger?

 

Du willst das Wichtige, das Tolle, das Richtige,
das volle Glas und nicht das leere?
Du willst das Geld, den Ruhm, die Ehre?
Nicht das Kleine, Gemeine und Nichtige?
Pass auf!
Denn ich bin die Erbse in deinem Schuh,
das Zweiglein, über das du stolperst.
Ich bin die Krume in deinem Bett,
von der du nichts weißt.
Pass auf!
Das Kleine beißt.

 

 

 

 

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Aachen

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Was mich bewegt. Else Laudan über Beton Rouge und andere Juwelen von hierzulande

Else Laudan ist begeistert.

Herland

Es beginnt mit einer Radfahrerin, die nachts auf einer nassen Straße stirbt, und zwar so, dass man schon einen Kloß im Hals hat. Und Riley von der Staatsanwaltschaft ist gar nicht im Dienst, sie ist nur auf dem Weg in die nächste Kneipe. Aber die banale, alltägliche, schiere Gewalt dieser Szene verdirbt ihr die Lust auf das gepflegte Bier.betonrouge

Dann sperrt jemand einen Mann in einen Käfig. Mitten in Hamburg, in unserer Stadt der Pfeffersäcke, wo alles, was glänzt, auch teuer ist. Dieser Typ in dem Käfig aber ist deutlich ein Opfer, betäubt, gefoltert, zur Schau gestellt, fix und fertig. Die Polizei ist schon vor Ort, mit dem Schloss kämpfend, betroffen.

Beton Rouge. Die Story ist ein cleveres Rätselmosaik, viele Szenen sind von großer Wucht, und die Conclusio, also das, was mir in den Sinn kommt, wenn ich nach dem Lesen das Buch zuklappe und überlege, was hat sie…

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Verrückt? Oder nicht? [Rezension]

415+OLHOzCL._SX303_BO1,204,203,200_Es gab ihn wirklich. Heinrich Pommerenke terrorisierte die Menschen 1959 im Schwarzwald mit einer Verbrechensserie. Als man ihm 1960 den Prozess machte, hatte er sich, gerade zweiundzwanzigjährig, fünfundsechzig Delikte – vier Morde, zahlreiche Vergewaltigungen, Körperverletzungen, Raubüberfälle, Einbrüche – zu Schulden kommen lassen.

Die junge Journalistin Billie besucht ihn Jahrzehnte später in der Justizvollzugsanstalt Bruchsal, um ein Buch über ihn zu schreiben. Vielleicht ist es die Faszination des Bösen, die sie antreibt, aber auf jeden Fall ist es ihre unsichere ökonomische Lage. Sie jobbt hier und da und erhofft sich durch das Buch finanziellen Erfolg, nicht zuletzt um von ihrem frisch Angetrauten, dem Filmemacher Branco, unabhängig zu sein.

Romantisch hätten sie sein sollen, die Flitterwochen in Bella Italia, aber es schüttet aus Eimern und Branco wird noch vor der Ankunft im Süden zu einem Dreh nach New York gerufen. Gedrückt kehrt Billie ins herbstgraue Berlin zurück, sie putzt den Loft, trödelt von Erinnerungen und Langeweile geplagt, findet nicht in ihr neues Leben. Als der Kater ausbüxt, entdeckt sie Ratten auf der Hintertreppe, die an ein Abrisshaus grenzt. Ein P6211548.jpghübsches Bild für Gesellschaft, Familie, das Selbst – vorne blank und hinten verrottet – wird da präsentiert. Billies Unruhe steigert sich, obwohl sie an ihrem Projekt arbeitet. Oder deshalb? Sie schläft nicht mehr, ist appetit- und interesselos. Nur wenn sie die Aufzeichnungen, Zeitungsartikel, Interviews durchsieht, vergeht die Zeit im Flug. Plötzlich ist Branco zurück, doch sie begegnet ihm gleichgültig. Während sie ihre Liebe behauptet, liest sie sich durch Pommerenkes Geständnis, durch Tage voller Gewalt und Verwahrlosung, durch Hass und Blut und Hunger. Heinrich nennt sie ihn, denn ohne die Nähe des Du hätte er nicht mit Billie gesprochen. Ein Gewandelter möchte er sein, einer der vor Gott bestehen kann. So jedenfalls erzählt sich der alte Mann seine Geschichte neu, die Schuld abspaltend, damit er leben kann. Das machen wir an sich alle so, nur ist es den meisten von uns (hoffentlich den meisten!) möglich, schlimme Erfahrungen und eigene Vergehen zu betrauern, zu bereuen, zu integrieren. Menschen mit Störungen der Ich-Struktur gelingt das nicht. Heinrich ist so einer. Gewalt und Vernachlässigung hat er erfahren, nirgendwo findet er Anschluss, verspinnt sich in ein Größenselbst, und scheitert. Ohne den Halt der Gemeinschaft, gehetzt von eigenen Bedürfnissen, die er sozialverträglich nicht befriedigen kann (also, weil er nicht KANN), projiziert er seinen Hass auf Frauen. Die geben ihm nicht, was ihm zusteht. Er nimmt es sich mit Gewalt, mitgefühlsfrei und impulsgesteuert. Das hat er gelernt. (Wir sehen jetzt mal vom genetischen Faktor ab.) Unbestritten bliebe ihm aber eine Wahl, ein alternativer Weg, den er nicht geht … Weiterlesen

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Ich bin. Wir sind. Und wir dürfen das.

manfred1Das ist Manfred. Auf diesem Foto ist er drei Jahre alt und es ist der einzige Beweis, dass es ihn gegeben hat. Er starb mit acht in Theresienstadt. Ich weiß nicht, wie viele meiner Verwandten dort umkamen, einige wurden nach Auschwitz deportiert, Josef zum Beispiel, der für das Vergehen, im Café zu sitzen, denunziert wurde.

Als ich Kind war, redeten wir selten davon, laut schon gar nicht. Ein Grauschleier lag über den Gesprächen, die befangen eindringlich geführt wurden. Meine Mutter, eine Davongekommene, starrte vor sich hin. Meine Großmutter zischte Wut und Trauer und Hilflosigkeit. „Sprich nicht davon, draußen“, sagte man mir. In der DDR der 1970er Jahre wurde die Shoa nicht thematisiert, offiziell waren hauptsächlich Widerstandkämpfer in den KZs ermordet worden.

Später, ich zeichnete in einem Vorbereitungskurs an der Hochschule für Graphik und Buchkunst in Leipzig irgendein Stillleben, beschimpfte ein hübscher Blonder den kleinen Drahtigen neben sich: „Halt doch mal die Schnauze, du Jude.“ Er lachte in die Runde. Ich fragte, ob er einen kenne, einen Juden. Bleistiftkratzen in der Stille. „Jetzt kennst du jedenfalls eine Jüdin“, sagte ich, packte meine Mappe und rauschte davon, ins Café. Ich hatte das so gesagt, weil ich wütend war, weil ich diese Herablassung nicht stehen lassen konnte, und weil Jude kein Schimpfwort sein durfte. Tatsächlich wusste ich nicht, was ich war. Im Café traf ich den Schwarzen. Sie nannten ihn alle „den Schwarzen“ wegen seines Haars. Mit ihm sprach ich hinter vorgehaltener Hand. „Du bist auch Halbjüdin, nicht?“ Wir waren die zweite Generation. Die Sprache, die die „Nürnberger Rassegesetze“ in die Köpfe gehämmert hatten, war auch uns eingeprägt. Und wir wussten nichts über uns. Wir waren irgendwie heimlich zugehörig zu etwas, das es nicht mehr gab und das mit Argwohn beäugt wurde. Damals liefen noch ein paar solcher halben Menschen durch Leipzig. Die Jüdische Gemeinde zählte (es muss 1979 gewesen sein) 46 Mitglieder, alles alte Frauen.

Jahre später, ich hatte meinen zweiten Sohn zu Bett gebracht, kramte ich in alten Aufzeichnungen, durchwühlte vergilbte Fotos, surfte im Netz, suchte meine Wurzeln. Da war ich schon Ende Dreißig. Ich fand sie.

„Ich bin Jüdin“, sagte ich leise, dann laut, kostete den Geschmack dieses Soseins. Mir gefiel er. Ich mochte es, „ich bin“ zu sagen. Ein paar Jahre feierte ich mit meiner Familie sämtliche Feiertage, die jüdischen und die christlichen, das sind wirklich eine Menge. Irgendetwas muss man schließlich von der Geschichte haben.

Viele rassistische Sprüche später stoppten wir – Eltern, 3jähriger Sohn, zwei Hunde – das Wohnmobil an einem einsamen See in Mecklenburg. Grölen und das „Deutschlandlied“ von weitem. Nach einem romantischen Sonnenaufgang umringten uns Glatzköpfige mit ihren Mädels. 1999 trug man da noch Glatze. Einer von ihnen gestattet uns huldvoll, auszusteigen. Sie würden uns nichts tun, sagte er. Vielleicht sprachen ja die Schäferhundmischlinge für unser Deutschsein. Ich schob meinen Stern unter die Bluse. Wir machten keinen Gebrauch vom Angebot des Kahlen.

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Am Tag nach der Wahl, bei der zum ersten Mal seit dem Grauen eine rechtsextremistische Partei in den Bundestag einzog, berichtete Sophie Sumburane auf ihrem Blog von den Erfahrungen ihrer bunten Familie mit Rassismus. Ihr Mann, ihre Kinder haben nicht die Möglichkeit, ein Symbol zu verstecken, um nicht als die „anderen“ gesehen zu werden. Sie, die nicht fremd sind, tragen etwas mehr Melanin in ihrer Haut. Einzig das macht sie zu den „anderen“, im Blick der „anderen“.

Liebe Sophie, liebe Menschen mit und ohne Melanin in der Haut, mit und ohne Gott, liebe Alle, die ein friedliches, buntes Gemeinwesen wollen – lasst uns uns verbinden und unterstützen. Ich bin offenen und verdeckten, alten und neuen Scheißrassismus so leid. Gewiss sind jene, die ihn verbreiten, nicht umzustimmen darin, dass es sich lohnt, Gemeinschaft herzustellen, dass das „Andere“ keine Bedrohung darstellt, sondern Bereicherung, die mit Neugier erkundet werden will, dass es nicht verantwortlich ist für erfahrene Kränkungen, für die eigene Misere. Das ist bedauerlich für sie, und für mich. Aber wir werden ihnen nicht die Deutungshoheit von Geschichte, aktuellen Ereignissen und soziale Umständen überlassen, nicht über den Umgang miteinander und nicht über Auffassungen von der Welt. Ja, ich sage „die Anderen“. Es ist eine notwendige Abgrenzung , solange sie alle zu bedrohlichen Fremden erklären, die nicht ihr rigides, inhumanes Weltbild teilen.

Deswegen lasst uns unsere Geschichten erzählen, laut, und jede die ihre, ganz viele. Die machen uns nämlich aus. Wir sind, weil sie uns hineinnehmen in die Geschichte, uns verbinden, uns verstricken. Wir sind, weil sie sind.

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Mini-Literatur

DSC_4263_3045ZeichenFrei

Verwittert die Zeichen,
kein Lied für die Nacht,
keine Silbe für Nowhere,
keine fürs Meer.
Kein X für ein U.

Er hatte sie unter der Hand.
Nun muss sie von da aus.
Von hier,
wo nichts ist
außer, naja,
nichts.

Macht nichts.
Wenn sie die Zeichen nicht hat
und nicht nichts,
hat sie ja  immer noch
sich.

 

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Monika Geier: Alles so hell da vorn [Rezension]

61TDOi0mIWL._SX318_BO1204203200_Impressionistisch, punkig und knallhart

Schwerer, heißer August. Unter der boshaften Eibe, die Tante Elfriedes Anwesen bewacht, bleibt es ebenso feuchtkalt wie in dem alten Kasten von Haus. Einiges ist in Bettina Bolls Leben passiert seit sie in „Die Hex ist tot“ ermittelte, halbtags, versteht sich. Die Kinder ihrer toten Schwester sind gewachsen, Tante Elfriede liegt auf dem Friedhof und der klapprige Taunus macht’s auch nicht mehr lange. Immerhin hat Boll die Chance, ihr Erbe zu Geld zu machen, das der kleinen Familie helfen würde, endlich aus dem schäbigen Plattenbau auszuziehen, ein Erbe mit einem bösen Geist allerdings, der sich nur verzieht, wenn Kinderlachen und Sonnenflecken das Haus durchfluten. Weiterlesen

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Schon wieder die Motiv-Frage

km3Der Kongress KrimisMachen3 fand vom 1.-3. September in Hamburg statt. Schön war es, sich mit Menschen auszutauschen, die an unterschiedlichen Stellen der Buchproduktion wirken. In Gesprächen abseits der Panels, aber auch in der Diskussion stellte sich seltsamerweise die Frage der Motivation: Warum schreibe ich Kriminalromane? Die kenne ich schon, seit ich ganz frisch in den Literaturbetrieb geraten war. 2011 befragte ich Autoren des Syndikats danach, weiter unten stehen noch einmal Ergebnis und Interpretation. Dass sich die Frage nach dem „Warum“ auch heute und für arrivierte Autor*innen stellt, hat mich überrascht. Zwar ist die Frage nach dem Motiv interessant, sagt aber wenig über den Gegenstand, also mehr oder weniger gelungenen Text aus. „Wie“-Fragen können ohnehin viel mehr … Vielleicht kümmere ich mich noch um sie. Hier erst einmal die kleine Umfrage von 2011:

Krimi – Warum das denn?

Da komm ich hier ahnungslos rein, also in den Krimi-, Literatur-, Buchbetrieb, will mir gerade ein Bier bestellen und was passiert? Es gibt Streit. Vorsichtshalber geh ich in Deckung neben der Klotür und schau zu. An dem einen Ende vom Tresen ereifern sich Lektoren und Verleger über Berge von schrottigen Manuskripten, am anderen klagen Autoren über Ablehnungen, mangelnde Verkaufszahlen, unzureichende Wertschätzung. Gegenüber regen sich Buchhändler über Folianten von Katalogen mit gigantischen Titelzahlen auf und wettern auf Buchsupermärkte. Hinter Bücherstapeln starren Kritiker in ihren Schnaps. Manchmal erschüttert ein Schmerzensschrei aus ihrer Ecke das Gebäude. Ein verschreckter Leser flieht, die anderen winken dem Keeper und singen. „Einer geht noch …“ Jeder in dem Laden hat seinen Platz. Nach zwei, drei Bier trau ich mich weg von der Klotür und frag eine aus der Autorenrunde, was hier los ist. Weiterlesen

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Rezension: „Die Lieferantin“, Zoë Beck

DownloadSchmerzfreiheit und Schlaf für alle!

Unter Umständen gibt es keine Alternative für einen gebeutelten Gastronomen, als den persönlichen Schutzgelderpresser im eigenen Betonboden zu versenken, selbst wenn man sich damit akustische Intrusionen einhandelt oder sich die Gewaltexzesse im postbrexitischen Königreich zur Last legen muss, wie Leigh – freundlich, kompetent, schwul – das egozentrisch tut. Denn der Erpresser hatte eine alteingesessene, exzellent vernetzte Organisation hinter sich, die sich nicht gern in die Suppe spucken lässt. Schon gar nicht von jemand Neuem, der ihr den Gewinn aus Drogengeschäften schmälert und auch noch eine Frau ist, die sich im Darknet „TheSupplier“ nennt, wie der Boyce-Clan entdecken wird. Weiterlesen

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Gesellschaft aus dem Ehebett betrachtet

511bdbxDrsL._SX345_BO1,204,203,200_Ehe für alle – ein wichtiger Schritt in Richtung Gleichstellung. Aber was es mit der Ehe auf sich hat … Liebe und so? Ich denke, sie ist ein Vertrag mit dem Staat und es gäbe noch einiges zu tun an den Vertragsbedingungen. Lena Blaudez hat 2013 ein Buch publiziert, dass sich mit diesem Vertrag befasst, auf sehr unterhaltsame Weise:

Rosa ist der Einband des Buches mit Icons darauf wie Sticker: Brautleute und Herzchen (man ist versucht, sie abzuziehen). Außerdem kommt es im Stil von Frauenzeitschriften und als Quiz, wie der Titel schon sagt, daher. Ganz harmlos, eigentlich. Doch gleich auf den ersten Seiten werden wir gewarnt. Und das zu Recht! Weiterlesen

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