Zweileben – Über ein Ding namens Amtspflegschaft, Frauen & Männer

Ich habe zwei.

Zwei Kinder. Zwei Welten. Zwei Leben. Eins im Osten und eins im Westen.

Üblicherweise hab ich immer erst Kinder gekriegt und danach geheiratet. Ich war im Studium bzw. im Beruf, verdiente dann als Ärztin genug und betrachtete mich als ziemlich unabhängig. Ich brauchte keine Ehe zu meiner Existenz.

1984 in Leipzig gab es kein Problem. Ich lebte mit meinem Partner und unserem Kind, für das ich das Sorgerecht besaß in Leipzig. Wir verehelichten uns, weil wir jung waren, hochzeiten wollten wie alle anderen und eine Wohnung brauchten. Die gab’s nur verheiratet. Mangelwirtschaft halt.

Mein zweites Kind wurde 1996 geboren. Ich war geschieden und lebte mit meinem neuen Partner nahe der holländischen Grenze. Aber im Westen durfte man, war man aktuell unverheiratet, nicht einfach so Kinder kriegen, das heißt man durfte schon, es wurde nur die Fähigkeit in Zweifel gezogen, sie angemessen betreuen und versorgen zu können. Obwohl wir eine neue kleine Familie waren, wurde mein Kind unter Amtspflegschaft gestellt. Seit dem 1.7.1970 erhielten nicht verheiratetet Frauen zwar das Sorgerecht (vorher standen ihre Kinder unter Vormundschaft), aber die Kinder bekamen eine zwangsweise Vertretung durch das Jugendamt. Selbstverständlich nur zum Besten von Mutter und Kind. Dass der Mutter die Versorgungskompetenz abgesprochen wurde und in unserem Falle des Vaters Anwesenheit völlig ignoriert wurde – welche infantilisierende Demütigung für beide. So jedenfalls haben wir es erlebt.

ich1Im Frühjahr 1998 heirateten wir also und versahen unser Kind mit einem ordentlichen Vater, einem richtigen Menschen, anstelle der Amtspflegers.

Vom Ende dieser absurden Regelung erfuhr ich durch eine kluge Bekannte (vielen Dank!) erst kürzlich: „Seit dem 1.7.1998 wurde die Institution der Amtspflegschaft als Instrument der Überwachung der volljährigen nichtehelichen Mütter aus dem BGB entfernt.“

Ich musste an diese kleine Geschichte denken, als ich die mittelalten, weißen Mitarbeiter (ganz ohne *innen) des neuen Innenministeriums sah und die ärgerlichen Tweets und Artikel darüber las, dass so ein InnenHeimatDings ganz ohne Frauen und Migranten auskommen will.

bmi

 

Vor nicht allzu langer Zeit hätte sich niemand aufgeregt. Nur einzelne hätten das Missverhältnis in der Verteilung von Macht wahrgenommen, das sich von der Spitze der Gesellschaft bis in ihre kleinste Verzweigung, unser Familienhäuschen weit im Westen, zieht.

Ich freu mich, dass es diese Aufregung gibt. So sehr, freu ich mich! Ich will noch mehr davon, damit sie bald überflüssig wird und ich EIN Leben führen kann.

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