Der Ost-Blick [Rezension: Die gefrorene Charlotte]

charlotte„Die gefrorene Charlotte“ ist 1993 erschienen und wurde in diesem Jahr neu aufgelegt. Wenn Literatur wesentlich, politisch und zeitlos sein soll, dann ist es dieser Roman auf unterhaltsame und berührende Weise. Auf der Leipziger Buchmesse durfte ich die Lesung von Dagmar Scharsich moderieren. Das Wetter war erst einmal gegen uns. Sie steckte im Schnee (Schnee Mitte März und Eiswind aus Ost –  nicht zu fassen!). Bei Leipzig lauscht können Sie lesen, wie es war. Aber jetzt zum Roman:

Hinterher kann jeder, hinterher wissen alle alles besser, die Schlauen, die Historiker und die Nichtdabeigewesenen. Aber mittendrin muss man die Geschichte ohne Sicherheitsnetz leben. Im Normalfall läuft das ganz gut, es sein denn, es kommt einem eine Revolution in die Quere.

1989. Berlin.

Tantchen, ihre Geliebte Hedda, ihr Down-behinderter Sohn Horsti und Cora Ost feiern zwischen über tausend Puppen Geburtstag. Draußen glüht der August, drinnen hofft man nicht mehr auf bessere Zeiten, sondern kuschelt sich zwischen biedermeierliche Diktaturtristesse und Goldbrand-Rausch. Tantchen verehrt Cora sechs Püppchen aus ihrer ungeheuer teuren Sammlung zum Dreißigsten, die üblicherweise von Horsti gehegt wird – winzige Damen, eingefroren mitten in der Bewegung, nur eine behält die Tante für sich. Warum, ahnt Cora noch nicht.

In Ungarn strömen Menschen über die Grenze nach Westen, Coras Bibliothekskollegin mit ihnen, während die ihren Bücherwagen „wie ein Wolgatreidler“ (Ost-Redewendung, lange nicht gelesen, sowenig wie „Kriepa“, „Malimo“ und „Dorfkonsum“) über die Chirurgische schiebt. Der Charité wird das Personal knapp.

Plötzlich stirbt die Tante und Cora steht mit einem unübersichtlichen Erbe, mit Horsti, den fichtelberghohen Ansprüchen der Steuerbehörde und den Begehrlichkeiten einer dubiosen Firma da. Cora, der immer der Mund offen steht, wenn sie nicht aufpasst. Cora, die sich eingerichtet hat in einem Nicht-Glück, das Unglück nicht zu nennen ist, weil es zu kraftlos, zu bleich, zu müde dafür ist. Cora, die gewiss damit gerechnet hat, mit dem Renteneintritt in den Westen zu reisen und bis dahin zu char2zuschauen, wie der Putz bröckelt und die Lichter ausgehen. Da kommt ein Retter im glänzenden Anzug samt Mercedes Benz daher, krallt sich diverse Puppen und macht Versprechungen. Auf der Straße demonstrieren die Massen, Wasserwerfer fahren auf, Hedda denkt an den 17. Juni 1953. Niemand schießt, wie wir heute wissen. Aber eine andere Katastrophe bricht über Cora herein, die die Kriminalpolizei auf den Plan ruft.

Dagmar Scharsich ist eine detailgenaue Erzählerin. Hinter ihren poetischen Bildern vom morbiden Charme der End-DDR-Zeit, hinter Obrigkeitshörigkeit, Dummheit, Naivität, Ignoranz und Borniertheit lässt sie die subkulturelle Kommunikation mitschwingen wie ein leises, unnachgiebiges Surren, das nur hört, wer das dikaturgeübte Ohr dafür hat – eine Kommunikation, die Gemeinschaft herstellt, char6Überloyalität produziert, bindet und ausschließt, bis auf den heutigen Tag, wenn wir uns die Entwicklung von Ausgrenzungen in der Gesellschaft ansehen.

„Eine Geste, ein Blick, eine Reaktion auf einen Satz in den Nachrichten […]. Und von da an war alles klar. Von da an hatten die beiden sich alles gesagt. Auch das, was sie dachten. Was sie wirklich dachten. Oder sie mussten gar nichts mehr sagen, weil es klar war, was der andere dachte.“

Wie ein bösartiges, parasitäres Gewächs wuchert die Unfreiheit durch Dagmar Scharsichs sumpfblumigen Text, frisst sich in die Hirnzellen der Menschen, von denen man es nicht erwartet und verreckt an manchem Betonschädel. Nein, die Bullen im Osten waren nicht alle staatstreue Misanthropen, manche tarnten ihr Mitgefühl, wie der kompottschüsselbebrillte Hauptmann. Zum Heulen komisch treibt die Autorin Cora und Hedda durch die Flure der „Keibelstraße“, lässt sie stramm stehen und an Stahltüren warten, immer wieder warten. Die Zeit vergeht langsam im Sozialismus, darin char7ähnelt Berlin dem Havanna in Leonardo Paduras „Havanna Quartett“. Und im Unter- und Hintergründigen, das sich jener erschließt, die daran gewöhnt ist, das Verborgene zu hören und zu sehen, damit sie Freund von Feind unterscheiden kann, was trotzdem regelmäßig schiefgeht.

Doch Cora Ost lernt. Während die Menschen ihre Freiheit fordern, lernt sie aufrecht gehen, so wie Stefan Heym es am 4. November 1989 in seiner Rede sagte:

„Wir haben in diesen letzen Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind jetzt dabei, den aufrechten Gang zu erlernen. Und das, und das, Freunde, in Deutschland, wo bisher sämtliche Revolutionen danebengegangen und wo die Leute immer gekuscht haben. Unter dem Kaiser, unter den Nazis. Und später auch.“

dt„Die gefrorene Charlotte“ ist ein Roman, der unaufdringlich, erdverbundener als jeder „Turm“, zauberisch wie der preußische Winter und süffig wie Rosenthaler Kardaka von einem verstorbenen Land erzählt, dessen Menschen zu Recht stolz sind – aufs Überleben.

Die gefrorene Charlotte. Dagmar Scharsich. Argument/Ariadne Verlag Hamburg 2018, 448 Seiten, 13 Euro

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