An den Bruchkanten der Geschichte wuchert die Groteske. Michail Bulgakows Meister und Margarita ist so ein fantastisches Stück Literatur. Das Werk ist nicht nur eine üppig ausgestattete Satire auf das Zeitgeschehen in der jungen Sowjetunion, deren Bürokraten längst die kommunistischen Ideale verraten hatten und im öffentlichen Leben wie in der Literatur hegemonial agierten, als sei der zaristischen Gesellschaft ein proletarisches Banner übergeworfen worden, nachdem Nikolai II. es nicht in die Moderne geschafft hatte, sondern es verflicht Geschichte, Religion, Ideologie und conditio humana unter schwierigen Wohnbedingungen zu einem opulenten Sittenbild im Moskau der 1920er Jahre. Voland, seines Zeichens Teufel mit
eingeschränkten Optionen, und sein Kater Behemoth führen uns durch drei Handlungsstränge. Während die Moskauer Gegenwart, in der der Lyriker Iwan Besdomny (übersetzt: Hans Hauslos) in die Psychiatrie gerät und sein Redakteur (wörtlich) den Kopf verliert, nur so schillert von fantastischen Absurditäten, wird die Geschichte von Jesus, dem naiven Urkommunisten, und Pilatus, dem depressiven Großinquisitor, in realistischer Manier erzählt. Klammer und Kondensationspunkt ist Voland mit seinem Gefolge in der legendären Wohnung No. 50. Neben dem ebenfalls psychiatrisch internierten Meister und der fliegenden Margarita (man muss an Lilith denken) ist Voland vielleicht die menschlichste Figur in Bulgakows Kosmos. Er und sein (Un)wesen verweisen auf die Faustsche Fragestellung nach dem Preis des Menschlichen. Bulgakow verwebt Dostojewkis Befürchtungen hinsichtlich eines bluttriefenden Revolutionsausgang wie in Frankreich und dessen Sinnfragen mit der Wahrheitssuche in Gogols Toten Seelen.
Bulgakow arbeitete von 1928-1940 an Meister und Margarita und diktierte zuletzt seiner Frau Jelena die Sätze in die Hand, bevor er, noch nicht 50jährig, an Nierenversagen starb. Erst 1966 wurde der Roman veröffentlich, wenngleich nicht unzensiert. Zu bedrohlich muss seine Komik für das Regime gewesen sein. Er wurde zum meistgelesenen Roman der Sowjetliteratur und in viele Sprachen übersetzt. Mick Jagger komponierte nach seiner Lektüre Sympathy for the devil. Ich las ihn vor 40 Jahren in der Schule. Und jetzt wieder. Und ganz sicher noch ein weiteres Mal, weil ich mich seinem Irrwitz, seiner Buntheit und seiner tiefen Humanität nicht entziehen kann.
Danke für den besprochenen Roman. Den Song der Rolling Stones kannte ich auf dem Tanzboden und inhaltlich fragend. An dieser Stelle danke für Deine Beiträge und Lektüren über das ganze Jahr. Herzlich Bernd
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Oh. Das freut mich. Vielen Dank Dir. Herzliche Grüße Anne
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Guten Tag,
ich recherchiere für ein Referat auf der Grundlage der Charaktere und wollte Sie fragen, woher Sie diese tolle Zeichnung des Katers haben?
Mit freundlichen Grüßen B.
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Guten Tag Frau Barishnikova,
leider habe ich die Quelle nicht mehr gefunden. Ich kann mich auch nicht erinnern, weil es nun schon ein paar Jahre her ist, dass ich den Text schrieb. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrem Referat.
Herzliche Grüße
Anne Kuhlmeyer
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Guten Tag Frau Kuhlmeyer,
vielen Dank für ihre schnelle Antwort. Dann weiß ich bescheid, danke.
Ihren Text finde ich auch sehr klasse und perfekt auf den Punkt gebracht.
Viele Grüße, B.
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