Hand auf dem Land

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Der Tag schwappte heran und brachte den Bus mit. Ein Mann stieg an der einzigen Bushaltestelle in Brenzlin aus. Er fummelte an seinem Gepäck, bis das Motorengeräusch verhallte. Die Straße war leer, Diesel und Frost, der Himmel am Rand schon opal. An den Sternen, die alljährlich die Straßenlaternen schmückten, waren Glühbirnen ausgefallen, eine flackerte. Die Schritte des Fremden knirschten die Hauptstraße hinunter. Er kam öfter her. Jean, der eigentlich Hannes hieß. Ich kannte ihn inzwischen. Was heißt kennen? Wen kannte man schon? Ich war über ihn gestolpert.

Ich schloss das Fenster und nahm die Leine von Fee. Sie hatte mich angestupst, damit ich endlich aufstand und sie in die Winterluft führte. Das Schaf, eine Skudde, klein und genügsam, war zu mir zurückgekehrt, aus einer ganz anderen Geschichte. Sie roch ein bisschen und drückte den Kopf an mein Bein.  Auf der Straße folgte ich Jeans Spur.

Das erste Mal hatte ich Jean in der Bar vom Schloss getroffen. Genaugenommen war die Bar keine Bar und das Schloss kein Schloss. Ein Investor aus Münster hatte Großes vor, bis ihm die Lust oder das Geld ausging.  Ede übernahm das alte Herrenhaus und baute eine Kneipe ins Untergeschoss, an deren Tresen ich die Gläser spülte, auf Minijob-Basis und ein paar Euro in die Hand, kein besonderer Job, nur der einzige, den ich kriegen konnte. Für Fees Wohnung in einem Nebengelass und ihr Heu putzte ich die Klos.  Nach Feierabend nahm ich sie mit nach Hause. Schafe ertrugen die Einsamkeit nicht.

Ich war mit dem Fremden zusammengeprallt, als ich nach oben in die Abendluft gehen wollte an dem Tag, an dem die Musikanlage ausgefallen war. Ein ruhiger Sommernachtsball würde das werden, es sei denn, die Kapelle der freiwilligen Feuerwehr sprang ein. Es gab keinen im Ort, der die Anlage hätte reparieren können. Es gab überhaupt kaum noch irgendwen bis auf die Alten und einige ihrer Söhne, die sich unter einer neuen, heilversprechenden Fahne sammelten. Alle waren fort, ich war geblieben und Ede war zurückgekommen, weiß der Teufel, warum.  Selten verirrte sich Sybille, die Bezaubernde mit der Gestalt einer Ballerina, in die Bar. Sie war eine Zugezogene, meißelte Gesichter aus den Steinen in ihrem Hof am Ende des Fontanewegs, der rechts von der Hauptstraße abzweigte.  Gewöhnlich lehnte sie allein an der Schmalseite des Tresens, trank ein, zwei Glas Wein und staunte mit gehobenen Brauen auf den Stammtisch von Frau Bürgermeisterin oder die lärmenden Teenager hinter dem Pfeiler. Dabei war die Bürgermeisterin keine mehr, nur die letzte, die das Amt bekleidet hatte, bevor es abgeschafft worden war. Mitunter hatte Sybille ein paar freundliche Worte mit mir gewechselt, aber in ihrer Gegenwart kam ich mir monströs vor und schwieg lieber. So eine Freundin, hätte ich gerne gehabt. An diesem Tag war sie nicht da.

Das Korn stand hoch. Es war Sommer. Draußen. Bis in die Gewölbe reichte er nicht. Der Fremde hatte sich auf einen Hocker geschwungen, ich stellte ein Bier vor ihn hin und zündete mir eine Zigarette an. Er sah nicht aus wie einer der Urlauber, die die wenigen Ferienhäuschen am See belagerten, von denen geriet selten einer her. Sie kauften ihr Bier im Lädchen oder holten es kistenweise aus Neustrelitz.

„Fremd hier?“, fragte ich, um irgendetwas gegen die Stille zu tun. Er lächelte. Sein Blick grau und klar, etwas Unabhängiges, Unbeirrtes darin.
„Ich wohne hier.“
Ich lachte.  „Ach, ja? Seit wann denn? Ich kenne sämtliche Einwohner Brenzlins seit meiner Geburt und Sie waren bisher nicht dabei.“
„Seit heute. Sympathischer Ort, ein bisschen abgelegen.“ Sein S war ein klein wenig verwischt, als sträube es sich, zwischen den Zahnkanten hindurch zu schlüpfen.
„Na, dann: Willkommen.“ Ich polierte das Glas in meiner Hand eine Runde schneller und schaute ihn von der Seite an. Was war das für ein Mensch, der seinen Wohnsitz freiwillig nach Brenzlin verlagerte? Zugegeben, ich selbst war nicht weggekommen, doch das war ganz etwas anderes. Ich konnte nicht.
„Und was tun Sie hier, wenn ich fragen darf?“
Er schob mir sein leeres Glas hin und ich zapfte ein neues Bier. „Wohnen, arbeiten, was man so macht.“
Irgendwann sagte er mir seinen Namen.
Dann schleppte Ede mit drei Muskelbepackten eine Anlage heran, die sie irgendwo aufgetan hatten. Ich wollte gar nicht wissen, wie und wo. Nach der Berufsschule hatte er mich heiraten wollen, verschwand aber plötzlich und tauchte erst Jahre später wieder auf. Als er wiederkam, war er nicht mehr derselbe. In der ersten Zeit hatte ich geglaubt, er habe eine Andere, eine von den Zierlichen, Blonden, denen er  nachgestarrt hatte, und tröstete mich mit Schokolade, später mit Wein. Dann dachte ich, er sei in den Westen. Da hatte ich schon vierzig Pfund zugenommen. Ich habe nie erfahren, was wirklich geschehen war und irgendwann interessierte es mich nicht mehr, auch nicht, als er bei mir anklingelte und mir den Job anbot.  Du siehst Scheiße aus, Belle, hatte er gesagt, aber du kannst bei mir anfangen. Neuerdings nannte er mich Belle, wohl der alten Zeiten wegen. Früher hatte an einer schwarz gepinselten Wand in seinem Flur in Kreide „Ich liebe dich, Rosa“ gestanden. Aber ich war nicht Rosa, vielleicht hatte es deshalb nicht geklappt. Die anderen nannten mich die fette Babette.

Ich fühlte, wie meine Wangen vibrierten, als Ede das sagte. Seit Wochen hatte ich das Haus nicht verlassen, obwohl der Vermieter gewettert hatte, weil er mich raus haben wollte, damit das Haus endlich dem neuen Supermarkt weichen konnte. Für wen der gut sein sollte, wusste ich nicht. Ich hatte meine T-Shirts aus einem Katalog für Übergrößen bestellt. Das Essen kam mit dem Bofrostmann, der Wein vom Lädchen und kostete Geld, zu viel Geld. Mein Leben änderte sich schlagartig, als Oblomow, mein Nachbar von gegenüber, das Schaf bei mir ablieferte. Er brauchte es nicht mehr. Er zog weg. Noch einer. Keine Ahnung, wie er sich zu diesem Entschluss hatte aufraffen können. Von da an musste ich raus und deshalb schaffte ich es auch in Edes Bar.

Später, in einer Septembernacht, in der ich nicht schlafen konnte, ich schlief nie gut, war ich mit Fee durch die Straßen geschlendert. Ich liebte die Spaziergänge über die Felder. Grillenzirpen oder den Geruch von blühendem Senf. Manchmal kniete ich nieder und legte die Hand auf den Sand – mein Land – bis Fee ihren Kopf an mir reibend mich zum Weitergehen aufforderte. Der Weg wurde schmaler und unbefestigt, führte hinaus ins Dunkel. Da sah ich Jean durch das zum Fenster umgebaute Scheunentor in Sybilles Diele auf und ab wandern. Er hatte öfter sein Bier an meinem Tresen bestellt, wir hatten ein paar Mal zusammen gelacht. Bei so einer Gelegenheit hatte ich erfahren, dass er fürs Lokalblatt schrieb. Ich las seine Artikel über die Schwierigkeiten der Kitas in Neustrelitz oder unseren, dann doch gelungenen Sommernachtsball und manchmal, selten, welche über die Söhne, die sich jenseits des Sees in den Baracken der alten Kaserne versammelten.

Eine Weile sah ich zu, wie sie gestikulierten und sich schließlich abwandten.

Dann sah ich ihn nicht mehr, lange nicht mehr, bis ihn der Bus ausspukte. Ich folgte seinem Rücken. Vom Himmel wirbelten Flocken und tupften gleichmäßig Fleckchen auf den Gehweg. In den Vorgärten glimmerte Weihnachtsdeko. Der heilige Morgen vom Heiligen Abend. Noch ein paar Tage und der Spuk würde vorbei sein. Ich machte meine eigene Spur neben den Fußabdrücken von Jeans Schuhen. Als ich den Abzweig erreichte, hämmerten Bässe heran, bevor ich das Motorengeräusch wahrnahm. Fee taperte neben  mir her. Der Wagen schlingerte um die Kurve. Jeans Gestalt verschwand in der Einfahrt. Hatten sie sich versöhnt, er und Sybille?
Ich riss den Kopf herum, als der Wagen neben mir langsamer wurde und einer seiner Insassen „wo willst’e denn mit dem Braten hin, Schlampe“ schrie. Sie johlten. Drei konnte ich ausmachen, alles Söhne. Ich kannte sie. Einen, blondgelockt und lustig, hatte ich im Haus neben Oblomow aufwachsen sehen. Der Wagen hielt, Türen klappten. Ich ging schneller und der Schnee fiel dichter. Einer zerrte an meiner Jacke. „Nimm ihr das Vieh ab“, sagte ein Anderer. Meine Finger umklammerten Fees Leine. Sie lachten, Beleidigungen flogen hin und her. Das kannte ich. Die fette Babette. Der Blondgelockte baute sich vor mir auf, schwankte ein wenig. Sie mussten einiges intus haben, was auch immer.

„Los jetzt“, zischte er. Eine Klinge blitzte.
Die spinnen doch, dachte ich.
„Spinnt ihr, oder was?“ Und wollte mich an ihm vorbeidrängen, ich kannte ihn ja. Mein Herz raste trotzdem. Er griff nach meinem Handgelenk und Fee ins Fell. Sie zog und verdrehte den Kopf. Unvermittelt ließ ich die Leine los, stieß einen Schrei aus und Fee galoppierte davon. Einer von ihnen lief ihr nach, aber das Schaf quetschte sich durch eine Lücke im Zaun. Ein Schlag gegen die Brust traf mich, ich taumelte rückwärts.
„Es ist weg“, sagte einer.
„Du willst Ärger, was, Schlampe?“
Ein Schups, dann einer von der Seite, wieder einer. Ich rutschte, der Blonde blieb nah, starrte mir in die Augen, dann stach der Schmerz in meinen Bauch. Ich schrie und fiel. Mein eigenes dumpfes Geräusch auf dem Pflaster. Drei Gesichter über mir. Einer kicherte. Sonst war es still.
„Jetzt bist du dran.“
„Ich kann das nicht.“
„Du musst.“
„Dann mach ich es.“
Bewegung zwischen ihnen. Ich zitterte, konnte mich nicht rühren.
„Hört auf rumzuquatschen“. Der Blonde riss mich an der Jacke hoch. Bieratem. „Boah, ist die schwer, die Fette.“ Stieß mich nieder. Wieder der Schmerz. Wieder. Dann der Eine. Schmerz. Der Andere.  Ihre Augen, dicht über mir, dunkel. Meine Hand tastete nach dem Boden.

„He!“ Eine Stimme. Sie gehörte nicht dazu. Klirren neben meinem Kopf. Das Auto sprang an, der Motor drehte hoch. Schritte. Jemand nahm meine Hand.
„Alles in Ordnung?“
„Nein“, sagte ich, fühlte mit den Fingern über das Pflaster, eisig.
„Hast du den Krankenwagen?“
„Er kommt aus Neustrelitz.“
„Was ist mit Fee?“, fragte ich.
„Das kann dauern.“
„Gib mal die Decke.“
Sie hörten mich nicht. Dann Sybilles hohe Stirn, ihre unglaublichen Augen. Sie legte eine Hand auf meine Wange. Ich schämte mich.
Jean. „Sie will was sagen.“ Sein Blick verschneit. Ostwind.

 

Ende Februar hatten die ersten Schneeglöckchen nun doch ihre Knospen durch die frostige Erde gebohrt und reckten die Blüten in Oblomows Garten gegenüber der Bushaltestelle. Ich war zu früh. Doch warten war ich gewohnt. Ich zog meine neue Jacke enger um mich. Nichts hatte mehr gepasst, als ich nach Wochen die Klinik verließ. Sie hatten mir einen künstlichen Darmausgang gelegt. Als ich vor ein paar Tagen in der Bar vorbeiging, polierte eine Andere meine Gläser. Tut mir leid, Belle, hatte Ede gesagt und zu Boden gesehen. Er war kein schlechter Kerl. Der Vermieter war froh gewesen, dass ich meine Sachen packte. Sybille und Jean waren die Einzigen, die mich besucht und die Zeitung mitgebracht hatten. Für ein paar Tage war ich eine kleine Berühmtheit. Sogar Frau Bürgermeisterin hatte sich empört, war zutiefst erschüttert und der Meinung, dass endlich strengere Gesetze dafür sorgen müssten, dass so etwas nie wieder vorkommen könne in unserem Dorf. Nie wieder. Als ich Kind war, hatte es in weißen Lettern auf rotem Grund am Zaun der LPG gestanden. Nie wieder Krieg. Aber das war eine andere Zeit. Jean hatte mir erzählt, dass die Söhne reichlich Promille im Blut gehabt hatten und einiges an Extacy. Ich war mir nicht sicher, ob ich den Blonden vor ein paar Tagen im Lädchen gesehen hatte. Einen von ihnen sah ich überall.

Einzelne Flocken tanzten im Licht der Straßenbeleuchtung. Der letzte Schnee vorm letzten Schnee. Die Busse nach Neustrelitz fuhren wieder regelmäßig. Plötzlich legte jemand seine Hand auf meine Schulter. Sybille. Jean hatte Fee an der Leine. Ich hatte sie nicht kommen hören.
„Ich verstehe nicht, wie man freiwillig seinen Wohnsitz nach Brenzlin verlagern kann“, sagte ich und streichelte Fee ein Ohr. Jean nickte und drückte mir ein Tütchen mit märkischem Sand in die Hand.
Dann kam der Bus.
Ins Exil.

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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2 Antworten zu Hand auf dem Land

  1. SätzeundSchätze schreibt:

    Großartig! Das wird als Lesezeichen zum Nachlesen und Wiederlesen abgespeichert.

    Gefällt 1 Person

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