„Lichtschacht“, Anne Goldmann – Rezension

1220_Goldmann_Lichtschacht_72dpi_thumbAnne Goldmann, Lichtschacht, Kriminalroman, Argument Verlag, Hamburg 2014, 284 Seite, 12,- Euro

Stephansdom und Donau, Walzer und Sissi, Schlagobers und das lässige Leben fallen einem zu Wien ein – nicht überfüllte Trams, prekäre Arbeitsverhältnisse und Wuchermieten, oder?

Lena ist neu in der Stadt. Für einige Monate kommt sie in der Luxuswohnung einer Freundin unter, während die durch die Welt tingelt. Mit einem Teilzeitjob in einem Geschenkeladen für Reiche schlägt sie sich durch, nebenbei hütet sie Katzen für Verreiste. Sie ist jung, ordentlich und einsam. Eines nachts beobachtet sie, leicht beschwipst und bekifft, wie drei Leute auf dem Dach gegenüber trinken. Plötzlich sind es nur noch zwei. Lena ist sich nicht sicher, was sie gesehen hat. Ob sie etwas gesehen hat. Aber der Verdacht, dass hier jemand zu Tode kam, lässt sie nicht los. Statt die Polizei zu rufen und sich Klarheit zu verschaffen, quält sie sich mit Spekulationen, zaudert und ängstigt sich. Immerhin lernt sie Max kennen und seinen Freund Georg, den unzuverlässigen Sunnyboy, der bald ihr Liebster wird und der ihre Befürchtung, ein Verbrechen beobachtet zu haben, so wenig teilt, dass sie schwankt, sich selbst für paranoid oder ihn für verlogen zu halten. Die Beziehungen der jungen Leute sind so unsicher und fragil wie ihre Lebensumstände. Behalten sie ihre Jobs, ihre Wohnungen? Oder ist schon übermorgen der erste? Hilfe durch die Eltern ist nicht zu erwarten. Die sind tot oder elterlich insuffizient. Wie kriegt man ein Leben hin, wenn man nicht auf Basissicherheiten bauen kann? Anne Goldmann schafft eine Atmosphäre von Zweifel, Unsicherheit und Bedrohung, und zeigt damit ein Dilemma, in dem die junge Generation steckt: schwache Wurzeln und das Versprechen unendlicher Möglichkeiten.

Verständnis findet Lena bei der neuen Freundin Iveta. Die lebt im finsteren Erdgeschoss und spart für oben. Die Hierarchie der Wohnverhältnisse hat sich seit der Technisierung umgekehrt. War früher die erste Etage beste Wohnlage (man muss kaum Treppen steigen, die Böden sind warm vom Mieter darunter), hat die Ausstattung der Häuser mit Aufzügen die Mägde aus den Mansarden verscheucht und die Preise der luxussanierten Wohnungen in den Himmel getrieben. Es ist ja auch eine Freude, über die Stadt zu schauen. Und um Spaß geht es. Um die Verwirklichung all dessen, was Spaß machen könnte, um den Kick. Den kann man steigern, begibt man sich auf ein Schrägdach. Nachts. Mit Sekt. Also was jetzt? Nur Kick oder Sturz in den Tod? Im Hof liegt keine Leiche.

Während die einen um die Basics für ein Leben ringen müssen, sucht der psychopathische Täter das, was seine Leere füllen könnte. Er nimmt es sich, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer, eben ganz nach seiner Art zu sein. Üblicherweise werden Psychopathen in Romanen als deviante Idioten dargestellt, die alberne Sachen machen, wie „Zeichen“ hinterlassen und unmotiviert metzeln. Nicht in diesem Roman. Anne Goldmann verrät ihre Figuren nicht, auch dann nicht, wenn sie einen wirklich miesen Charakter haben. Sie zeichnet sie nachvollziehbar und psychopathologisch exakt, detailreich ohne geschwätzig zu sein, leise und eindringlich. Sie gestaltet ein Panorama urbaner Milieus, in denen erst auf den zweiten Blick, der Existenzkampf der Menschen zu erkennen ist. Von oben betrachtet. Und von ganz unten.

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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