Eine versteckte Glocke? – Rezension

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Thies Thiessen, Die Glocke: Das alte Lied, Novelle, eBook, Culturbooks Hamburg, 2014, S. 116, 4,99 Euro

Verstecken, verschweigen, vergraben, verleugnen sind gut gepflegte Traditionen in Deutschland, nicht nur an einem Unort hinterm Deich, wie es der triste Koog ist, der ursprünglich von den Nazis als Musterkoog („Adolf-Hitler-Koog“) mit linientreuen Nationalsozialisten besiedelt wurde. Die Ideologie fand in der „Neulandhalle“ ihren Platz, eine Glocke den ihren in einem Holzturm. Dies ist der historische Hintergrund der Novelle. In der Enge des Dorfes wächst Matthias in kargen Verhältnissen auf, während sich draußen das Wirtschaftswunder ereignet. Der klare Blick auf die Hofstelle seiner Eltern und Großeltern, auf das Dorf, auf die Welt bleibt dem Jungen erspart, bis ihm eine Brille angepasst wird. Schade, dass diese schöne Metapher nicht fortgeführt wird. Matthias hilft auf dem Hof, fühlt sich immer ein wenig als Außenseiter, nicht zuletzt weil er klug ist, liest, das Gymnasium besucht. Nun, dieses Erleben werden sicher viele mit Matthias teilen. Immerhin kämpft sich der Junge heraus aus dem braunen Sumpf der Vorgenerationen, durchaus angepasst an die aktuelle soziale Wirklichkeit der 1970er Jahre. Was ihm bleibt, ist das Geheimnis um die Glocke, die verschwunden ist. Die irgendwie den Bauern gehört, die ihre Nazi-Ideologie unter vorgehaltener Hand zwar oder am Stammtisch, wo man unter sich ist, beibehalten. Neben dem Geheimnis um das Verschwinden der Glocke, muss Matthias heranwachsen, lernen, eigenen Interessen folgen, die erste Liebe schmerzlich erfahren. Die Ambivalenzen, die Wut, die Sehnsucht, die Suche von Matthias erzählt der Autor illusionslos, wahrhaftig und in einer wunderbar atmosphärischen Sprache. Thies Thiessen  wuchs auf einem Hof im Norden auf, studierte Design, war als Art Director in der Werbung tätig, als Dozent in der Lehre, und ist heute freiberuflicher Graphiker und Texter. Mit dieser Novelle verschafft Thies Thiessen einen kleinen Blick ins abgeschottete bäuerliche Leben und die Folgen des Schweigens über Generationen.

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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