Der Tod ist ein fieser Möpp

Eigentlich gibt es ein ganzes Team gegen den Tod. Nur manchmal, wenn es gerade ums Leben geht, steht man alleine mit ihm da.
Die Station war rappelvoll zwischen den Feiertagen, alle flitzen durch die Gegend, brüllten nach jemandem oder etwas, Beatmungsmaschinen schnauften, Monitore meldeten Fehlalarme und über allem dudelten Schlager aus den Charts.
Okay, sie hatten mir Tanja gegeben. Tanja war neu, gerade zwei Tage hier. Sie wollte Intensivschwester werden und schaute mich aus runden Augen an, als ich sagte: „Wir machen das schon.“ Es war keine große Sache. Ein bisschen umständlich vielleicht mit der Neuen, aber gut, wir machten das schon.

Sie hatten Herrn Müller aus einer kleineren Klinik zu uns gebracht. Ich nenne ihn mal Herrn Müller, weil ich mich nicht an seinen Namen erinnere. An sein Gesicht schon. Es besucht mich bis heute. In meinen Träumen. Ein gutes Gesicht war es, mit Falten, die von Heiterkeit erzählten und einem klugen, klaren Blick. Herr Müller witzelte ein bisschen mit mir, während ich den Tubus bereit legte, das Laryngoskop checkte und Tanja zeigte, welche Ampullen sie aufziehen sollte.
Jedenfalls hatten sie Herrn Müller gebracht, weil er nach einer Hüft-OP kleinere Embolien erlitten hatte, Atmung und Kreislauf waren stabil, nichts Bedrohliches. Ihm war ein neues Gelenk eingesetzt worden. Anfang sechzig mochte er gewesen sein. Auch sein Alter erinnere ich nicht genau. Er war alt. Ich war es nicht. Ich hatte schon viele Tode gesehen, trotz des langen Friedens. Er auch. Er war Bauer und ein fröhlicher Mann, das weiß ich noch.
Die Sonne schien hell ins Zimmer.
Mein Auftrag: Leg ihn schon mal schlafen und bring ihn in den OP, damit das ein bisschen flott geht. Der Gefäßchirurg, Kottke, hatte das gesagt. Kottke war in Ordnung. Es gab auch noch die Artzkinder, Töchter und Söhne, die an ihrer Karriere feilten, die Füße in handgenähten Schuhen und die Köpfe in ihrer strahlenden Zukunft, Mediziner in der 25. Generation. Kottke war nicht so einer. Er war einer von den anderen. Hart, sarkastisch, erfahren, sexistisch, klug, humanistisch, geschickt, mitfühlend. Vielleicht hatte sein Lungenkrebs ihn demütig gemacht, vielleicht war er schon immer so.

Die Gefäßchirurgen wollten Herrn Müller einen Cava-Schirm einbauen. Keine große Sache das. Über die Leistenvene wird ein Katheter in die große Hohlvene geschoben und ein kleines Netz aufgespannt, um zu verhindern, dass weitere Thromben aus dem Bein in die Lunge geraten, vorsichtshalber.

Es war ein glasklarer Tag im Winter.
Tanjas Hand zitterte ein wenig, als sie die Spritze ansetzte. Ich beobachtete, wie die Flüssigkeit im Zylinder abnahm. Ein paar Sekunden dauert es, bis die Wirkung im Hirn aufschlägt. Und in denen lächelte Herr Müller und sagte: „Sie haben schöne Augen“, zu mir. Ein paar Moleküle des Anästhetikums hatten ihr Ziel bereits erreicht und ein wenig Euphorie verursacht.
Ich weiß, das sagen alle.
Ich lächelte auch.
Ein anderer Gedanke, plötzlich: Sie werden das Letzte sein, was du von dieser Welt siehst, Herr Müller.
Und dann, schnell, um ein Gegengewicht herzustellen, den Gedanken wieder gut zu machen, der meinen Puls in die Höhe schnellen ließ: Nein, nein, was für ein Unsinn. Nein. Es gab tatsächlich keinen Grund.
Mir war, als lache jemand hinter mir.
Tanja sah mir zu. Wie erwartet, lief es ein wenig umständlich. Den Beatmungsbeutel mit den Knien bedienen, mir selbst Laryngoskop und Tubus nehmen, Maschine anschließen, aber es ging. Natürlich.
Wir brachten ihn in den OP, danach tat ich andere Dinge. Blutzucker kontrollieren, Katecholamine anpassen, Dokumentation erledigen. Nur die Unruhe hörte nicht auf. Der Gedanke ging mir nicht aus dem Sinn.

Eine Stunde später riefen sie an, Herr Müller komme nicht mehr.
Sie hatten ihm noch den Brustkorb aufgerissen, um den Monsterthrombus aus dem Lungengefäß zu entfernen, aber …

Eine Weile stand ich mit Kottke bei der Leiche. Die Sonne fiel ins Zimmer. Mir war, als lache jemand hinter mir. Wir sprachen nicht.
Keiner hatte etwas falsch gemacht. Nur der Gedanke … Lange, lange danach noch, schlief ich nicht.
Kottke drückte meine Hand und ging.
Und wir senkten den Blick, wenn wir einander auf dem Gang begegneten.

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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