Niemands Land – Schnipselchen vom Nächsten

 

„Ich bleibe“, sagt Sydney, der die ganze Zeit nichts gesagt hat. Ein paar Bänke neben uns beginnt ein Alter einen Bolero zu singen, langsam, tief und melodiös.

„Du hast kein Visum“, wirft Blas ein.

„Die anderen auch nicht.“ Sydney.

Das ist allerdings ein Problem, wenn wir zurück wollen. Ich frage mich, ob ich will. Irgendwie wird man an Papiere kommen, an ein Visum, einen Pass, an etwas, das bestätigt, dass ich die bin, die ich bin. Darum geht es doch. Sie wollen wissen, wer man ist, hier und überall auf der Welt. Über die Jahre bin ich ein wenig erfahren geworden darin, ihnen zu sagen, wer ich bin, sie zumindest in dem Glauben zu lassen, dass ich die bin, die ich zu sein vorgebe. Hätten sie eine Ahnung davon, wer oder was ich wirklich bin, sie hätten mich längst aus dem Verkehr gezogen. Niemand außer mir selbst kennt zum Beispiel mein wahres Geburtsdatum. Ich habe es der Glaubwürdigkeit halber wieder und wieder angepasst. Bei mir im Institut hat bisher niemand Verdacht geschöpft, zum einen, weil die Verwaltungsangestellten gewechselt haben, die Institutsleiter und die Gesellschaftsordnungen, und zum anderen, weil mich niemand wahrnimmt da unten in meinem Keller, solange ich meine Arbeit mache. Auch jetzt, während meiner Abwesenheit, werden sie anders zu tun haben, als sich um meine Personalakte zu kümmern. Leichen werden angeschwemmt werden. Tote, die identifiziert, katalogisiert, obduziert und bestattet werden wollen. Da bleibt keine Zeit für die Lebenden.

Ich könnte im Hospital nach einer Stelle fragen. Tote gibt es überall. Und wenn der erste Eindruck nicht trügt, sieht es aus, als herrsche Personalmangel, womöglich nicht nur in der Neurochirurgie, sondern auch in anderen Abteilungen.
Der junge Blas könnte mir Spanisch beibringen. Ich könnte eine Wohnung im vierten Stock mit Blick aufs Meer nehmen, eine, unter deren Fenster ein Banner mit „Viva la Revolución“ flattert. An den Sonntagen würde der Wind den ausgeblichenen Stoff an die Hauswand schlagen und ich würde den Kirchenglocken lauschen. Ich würde mir starken Kaffee zum Frühstück brühen und später an den Strand gehen, würde durch die Straßen und Museen streifen, in den Bodegas anstehen und meine Kleider selbst nähen. Wäre ja nicht das erste Mal. Nach dem zweiten Krieg, als mein Haus mit Familien und Fräuleins bevölkert war, mit Heimkehrern und Selbstmördern habe ich das wie alle anderen getan.
Natürlich kenne ich niemanden in Havanna, habe keinen Freund, nicht einen. Doch zu Hause habe ich auch niemanden mehr. Ich könnte ein neues, ein kleines, gutes Leben anfangen hier in der Fremde. Tief atme ich die heiße Luft ein, die nach Zigarrenrauch, Hibiskusblüten, Müll und Verheißung riecht, und meine Brust wird weit. Freiheit!

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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