Traum & Wasser (Schnipselchen vom Nächsten)

 

 

Ich will mich nicht bewegen, schon gar nicht die Augen öffnen, wenn ich das tue, ist er fort. Also lausche ich mit geschlossenen Lidern dem Trommeln des Regens. Ich weiß natürlich, dass es ein Traum war:

Die Sonne steht tief überm Meer und seine Haut riecht nach ihr, vollgesogen mit der Hitze des Tages. Sein Haar zerzaust vom salzigen Wind, kitzelt an meiner Stirn. Schräges Licht liegt über der Ebene, die sich ruhig hebt und senkt, Licht, das die Einzelheiten scharf schneidet und blaue Schatten in die Täler legt. Spärlicher Bewuchs kräuselt sich im Gegenlicht über den Höhenzügen. Von Osten rückt die Nacht heran, treibt die Dunkelheit vor sich her und bringt Kühle mit. Ich lasse die Fingerspitzen über den Horizont gleiten, verweile, als sich unzählige, winzige Hügel aufwerfen. Er zittert und lacht mir unter der Hand. Ich weiß nicht, wer er ist, nur dass er mich hält, und dass es das Ende ist.

Alles hat seine Zeit, so auch die Phase, in der man die Augen geschlossen halten kann, jedenfalls zu Lebzeiten. Nur einen Moment noch, in dem ich den Satz: „Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön …“, denke, obwohl ich den Herrn Geheimrat nicht leiden kann, aber wo er recht hat, hat er recht, danach klappe ich die Lider hoch und sehe nichts, was ich nicht erwartet hätte – Wasser, auf der Frontscheibe. Ich drehe den Zündschlüssel und lasse die Scheibenwischer laufen. Nun sehe ich etwas, das ich ganz und gar nicht erwartet habe – Wasser, direkt vor dem Kühler. Woraufhin der Herr Geheimrat sich erneut meldet: „Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn!“

Ich würde mich Letzerem anschließen, wenn ich nicht zuvor die anderen warnen müsste. Immer hat man etwas zu tun vor dem Tod. Immer!

Wasser leckt in den Wagen, als ich die Tür öffne, es mag bis zur Wade reichen beim Aussteigen. Um den Wagen herum – eine einzige Wasserfläche. Nahe am Haus ragen die Geländer der Brücke heraus, so dass ich mich orientieren kann und hoffentlich nicht im Bach lande. Durch trübes Morgenlicht leuchten die Fenster heimelig herüber. Die drinnen schlafen also nicht mehr.

Tief in der Nacht hab ich die Hälfte der Kleider aus meinem Koffer angezogen, den Seidenschal umgelegt, die Regenjacke übergestreift und bin raus in den Wagen. Ich konnte nicht schlafen, bin es einfach nicht gewohnt in solchen privaten Momenten, mit anderen zu sein. Ob sie den Anstieg der Flut schon bemerkt haben? Ob sie mich vermissen? Egal. Ich packe Ruths CD in meine Tasche und das Fläschchen aus dem Handschuhfach. Ich trage es immer bei mir, habe noch nie jemandem von dem Inhalt gegeben, aber man weiß ja nie. Ein- und ausatmen, dann nehme ich mir ein Herz und setze die Füße ins Wasser.

 

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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