Das Essen

 

Nachts bin ich allein. Das ist schön. Wenn ich nicht allein bin, gibt es Stress. „Simone“, sagt die Stationsöse immer. „Simone, Sie müssen fragen.“
Frage ich, kriege ich Augenrollen, besonders von Hannelore, der Erstschwester. Sie ist neidisch, dick und sie trinkt.
„Sie können das nicht wissen“, sagt die Öse.
„Ich weiß“, sag ich. Aber es nützt nichts. Ich muss trotzdem all die Sachen machen, von denen ich nicht wissen kann, wie sie gemacht werden, ob und wann. Ich habe gerade mein Abitur hinter mir. Ich hatte keine Ahnung, wie man Kranke bettet, Injektionen verabreicht, welche Medikamente sie bekommen, wie man Handschuhe reinigt, Spritzen sterilisiert. Ich hatte keine Ahnung von gar nichts, als ich mein Vorpraktikum antrat. Das war im letzten Herbst. Inzwischen geht es besser. Jetzt ist Mai und ich habe mal wieder Nachtwache. Sie stecken mich in die Nacht, wenn sich keine andere findet. Zehn Nächte diesen Monat. Tagsüber schlafe ich nicht, fast nicht. Im September beginnt das Studium. Für die Schwestern sind wir Vorpraktikanten Aliens und der Feind, weil wir einmal Ärztinnen werden, und denen zeigt man es noch einmal, bevor die Machtverhältnisse sich ändern, danach bückt man sich. Eigentlich wäre die Öse ganz okay, wenn sie nicht Hannelore hätte.

Heute ist Putzen im Chefzimmer dran. Es ist gleich Zwei. Den Gang habe ich gebohnert, die Darmrohre ausgekocht, die Handschuhe mit Talkum gepudert, Schwesternzimmer und Klos geschrubbt. (Wahrscheinlich liegt morgen wieder ein Zettel von Hannelore für mich da mit: „Sind Ihre Zimmer rund?“) Das Chefzimmer gehört keinem. Der Chef ist längst in Rente. Nur manchmal rauscht er herein und alle sind furchtbar aufgeregt, wenn der alte Mann den Flur entlang in sein Zimmer schlurft. Sie bewahren sein Zimmer und sein Andenken. Ich lasse Wasser in den Eimer laufen und gebe Meleusol hinzu. Es riecht widerwärtig bis in meinen Tag. Jede Pore ist davon durchdrungen. „Karbolmäuschen“ hat mich einer genannt, der mir nahe kam. Es hat nicht lange gehalten. Während das Wasser läuft, gehe ich in die Küche und schaue nach, ob Wanda etwas vom Mittagessen übrig gelassen hat. Die Küchenfrau ist Französin. Irgendwie exotisch, die alte Hexe, die hinter jedermanns Rücken tratscht. Sie lacht laut, und erst dachte ich, sie ist nett. Es sind noch jeweils ein halber Topf grüne Bohnen und Kartoffeln übrig. Ich habe Hunger, aber ich muss erst das Chefzimmer. Wanda hebt Essen für den Nachtdienst auf, normalerweise. Wenn sie einen nicht leiden kann, wirft sie es weg und die LPG holt es für die Schweine. Man kann ganz schön viele Schweine füttern mit einer Universitätsklinik. Ich stelle das Wasser ab, dann ist es Zeit für die Runde. Leise öffne ich die Türen, werfe einen Blick ins Dunkel, lausche auf den Atem der Kranken. Ich weiß, dass der in Zimmer 7 wach liegt, das tut er immer. Diesmal sagt er nichts. Er hat keine Finger und eiternde Gänge im Hintern, die nicht heilen. Manchmal streichelt er mich, und ich weiß nicht, was ich machen soll. Er ist schon acht Monate da, ein kluger Mensch, vor dem mich ekelt. Bei der Frau in Zimmer 9 ist eine Schlechtmeldung raus. Ich höre ihr Röcheln und bin erleichtert. Vielleicht stirbt sie erst im Frühdienst. Als ich durch bin, trage ich den Eimer zum Chefzimmer und widme mich dem Staub. Ich bin nicht gern in diesem Museum und bringe es so schnell es geht hinter mich. Es dauert trotzdem eine Stunde, weil ich ja gründlich sein muss, mit Schränken und Fenstern und Bohnern und allem. Danach ist wieder die Runde dran. Die Frau in 9 röchelt nicht mehr. Ich mache Licht. Da liegt sie. Ganz leicht, ganz selten hebt sich ihr Brustkorb. Ich setze mich zu ihr, warte. (Sie haben gesagt, ich soll.) Es dauert nicht lange, dann hört auch das auf. Ich sehe, wie ihre Pupillen sich weiten und die Augen trüb werden. Sie ist der erste Mensch, dessen Ende ich nun kenne. Ich bin 19. Ich hatte noch keine Gelegenheit für den Tod. Den Diensthabenden anrufen. Er kommt schnell, wirft einen Blick auf die Tote, nickt, stellt den Totenschein aus. Tupfer auf die Augen, Kinn hochbinden. Der Diensthabende geht.

Ich bin allein. Es ist vier Uhr morgens und die Tote ist da. Ich stelle eine Kerze auf, ziehe die Laken glatt, wie die Öse es mir gesagt hat.

Ich sitze im Schwesternzimmer, alles ist sauber, höre dem Klicken des Uhrzeigers zu.
Ich gehe in die Küche esse die beiden Töpfe leer.
Ich sitze im Schwesternzimmer, alles ist sauber, höre dem Klicken des Uhrzeigers zu.
Der Tag wirft das erste Licht an den Himmel.
Ich sitze im Schwesternzimmer, alles ist sauber, höre dem Klicken des Uhrzeigers zu.
Dann gehe ich aufs Klo und stecke mir den Finger in den Hals.

 

 

 

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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2 Antworten zu Das Essen

  1. gudrunlerchbaum schreibt:

    eine sehr intensive Geschichte über die erste einsame, hilflose Begegnung mit dem Tod.

    Gefällt 1 Person

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