Kai Hensel

 

Kai Hensel, Sonnentau, Thriller, Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a.M. 2014, S. 444, 17,90 Euro

2010. Wenige Sekunden lang bebte die Erde und die Hölle brach ins Paradies. Nicht, dass Haiti ein Paradies gewesen wäre. Armut, Gewalt, Korruption – das kleine Land unter der tropischen Sonne hatte auch vor der Katastrophe mit ungezählten Toten genug Probleme. Doch diese Erschütterung bewegte die Welt.Menschliches Mitleid spülte Helfer und Gelder ins Land …

Nach seinem 2012 erschienen Debüt „Das Perseus-Protokoll“ legt Kai Hensel – erfolgreicher Dramatiker, Drehbuchautor, Reisender, Berliner – seinen zweiten Roman vor.
Drei Jahre später sind die Geld- und Menschenströme fast versiegt. Hilfsprojekte stecken fest oder liegen brach. Doch Maria Brechts Schulfreundin Jooly, die verwöhnungsverwahrloste Tochter eines Schönheitschirurgen, folgt dem plötzlichen Wunsch, ihrem Leben Sinn zu verleihen, und reist von Berlin nach Haiti, um Gutes zu tun. Sie schreibt ein paar Mails, dann bricht der Kontakt ab. Kurz darauf wird Maria von Jollys Vater gebeten, seine Tochter zu suchen. Tot sei sie wahrscheinlich, ihre Leiche verschwunden. Maria hat gute Gründe, sein Geld anzunehmen und ihren Tresen in Kreuzberg gegen ein Hotelzimmer in Port-au-Prince zu tauschen. (Ihr hitziges Naturell bescherte ihr eine Geldstrafe wegen Körperverletzung, die sie nicht zahlen kann.)
Maria nimmt Kontakt zur Helferszene auf. Die ist ganz einfach zu erkennen. Die Helfer sind weiß und trinken Sekt, alle anderen sind schwarz und bringen ihn. Oder leben in Slums. Sinnlose Projekte von Wohlmeinenden arrogant angestrebt, scheitern zwangsläufig.
Eine Abgeordnete des Bremer Stadtparlaments mit haitianischen Wurzeln will eine Eisenbahn quer durchs Land bauen lassen. Infrastruktur für Haiti und Arbeitsplätze für das arme Bremen. Der Fotograf, Rafael Velasco, soll sie „menschlich“, vor allem das, ablichten fürs Image. Was heißen soll: Zeige keinem mein wirkliches Ziel. Aber nicht nur sie, jeder Beteiligte hat ein Motiv abseits von Hilfe.
Rhodes z.B. (der auch Herr Rhodes genannt wird!) baut ein Museum, das die geologischen Ursachen des Erdbebens veranschaulichen soll, um den kruden Verschwörungstheorien (von Alaska aus sei das Beben mit Hektometerwellen über weiß der Henker was für Wege gesteuert worden) entgegen zu wirken. Aufklärerisch will er wiedergutmachen. Nämlich die Millionen, die ihm aus einem Agrardeal der USA mit der haitianischen Regierung zugeflossen sind. Zu wessen Lasten ist klar.
Mads, der Arzt, impfte kurz nach dem Beben Leute in den dreckigsten, unzugänglichsten Slums, auf dass sie keine Seuchen heimsuchten. Einige starben. Was nicht weiter auffiel angesichts des hunderttausendfachen Sterbens. Er blieb. Zum Wiedergutmachen. Craig versorgt die Leute mit Seife. Das ist besser, als zu Hause zu sein, weil ihn dort die Familie unter Druck setzt. Ein paar kleine, schmutzige Nebenbeigeschäfte sollen ihm wieder auf die Beine helfen. Craig, Rafael und Maria fahren in die Berge auf der Suche nach Joolys Leiche. Zunächst finden sie sie nicht, stattdessen viele andere …

Die Glut, der Mangel, die Ungleichheit und die ständige Bedrohung durch Kriminalität verändern nicht nur die Haitianer. Die Helfer mit durchaus teilaltruistischem Ansinnen unterschätzen die Bedingungen in dem zerstörten, bitterarmen Land. Sie verändern sich. Nicht zu ihrem Besten. Und jeder auf seine spezifische Weise.
Dabei steht nicht nur der offensichtliche Sekundärgewinn der Entwicklungshilfe in Frage (schon allein das Wort: Geberländer!), sondern Altruismus an sich. Altruismus ohne Gewinn für den Einzelnen wäre wenig nützlich. Völlig in Ordnung, solange individueller und sozialer Gewinn ausgewogen sind.

Der Roman entlarvt die Verlogenheit der sogenannten Hilfe, die die Weltordnung in schwarzarm und weißreich zementiert. Sein Titel „Sonnentau“ – man muss an die Karnivore Sonnentau denken, die ihre Beute mit klebriger Süße anlockt, um sie zu verschlingen – könnte passender nicht sein.
Die genau recherchierten, haitianischen Verhältnisse präsentiert der Autor in kühlem sachlichen Ductus. Multiperspektivisch erzählt, lässt er seinen Figuren ihre eigene Stimme, die sie auf wunderbar lakonische Dialoge verwenden. Ironisch bis zur Schmerzgrenze, bissig, böse und schonungslos gelingt Kai Hensel ein vielschichtiger, komplexer Politthriller über die Arroganz, die Ahnungslosigkeit und die Ignoranz der Besitzenden.

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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