Matzkes Bein

 

 

Die monströsen Kühlschränke vor dem Labor brummen. Niemand in der Nähe. Nur die Neonleuchten flackern. Wir legen die Beine immer in die Kühlschränke auf dem Flur. Aber die sind heute voll. Drinnen gibt es auch noch Kühlschränke. Es ist fast Mitternacht und die Laborantinnen schlafen längst zwischen Betonplatten oder unter Stuckdecken, sonst hat keiner einen Schlüssel. Ich trage jede Woche ein Bein hier herauf. Ein Schweißfilm klebt mir die grünen OP-Kleider an die Haut. Wer noch nie ein Bein in den dritten Stock geschleppt hat, weiß nicht, wie schwer es einem werden kann. Es heißt immer, Herzen wären schwer. Aber es stimmt nicht. Es sind die Beine.

Es ist mein erstes Jahr nach dem Studium. Und die im ersten Jahr schaffen die Beine weg. Oder die ganzen Toten. Sie werden durch den Park in die Pathologie gefahren. Man muss die Hausmeisterin herausklingeln, was dauern kann, wenn sie getrunken hat, falls sie es überhaupt hört. Falls nicht, muss man sie wieder mitnehmen und irgendwo ein Zimmerchen finden, um sie dort zu deponieren. Man kann sie nicht einfach vor der Hintertür stehen lassen. Sonst kommen die Katzen.

Der Tag war endlos gewesen. Angefüllt mit Neuem, Unsicherheit, Ekel, Angst und prallen Späßen gegen all das. Zuletzt hatten sie sich entschlossen, doch noch zu amputieren. Matzke hatte aufgefiebert. Seine Zehen waren seit einer Woche schwarz, aber über den Tag hatte sich die Entzündung nach cranial ausgebreitet. Die Blutwerte vom Abend waren schlecht. Deshalb musste ich ihn von der Station mit dem klapprigen Aufzug in den septischen OP kutschen. Ich hatte noch nie Angst in dem Aufzug (völlig zu Unrecht), aber Matzke. Er nahm meine Hand mit seiner schweißnassen und sah mir ins Gesicht.
„Bring es mir, Mädchen“, sagte er.
Ich mochte Matzke eigentlich nicht. Er war ein alter Sack mit dreckigen Witzen, der mir bei jeder Gelegenheit die Hand auf den Hintern legte. Außerdem hinkte er in den Konsum im Park, holte Goldbrand und Zigaretten für sich und die, die nicht aufstehen konnten. Manchmal nachts war die Hölle los auf der Traumatologischen und die Jungs mussten am nächsten Tag wieder geflickt werden, wenn sie sich geprügelt hatten. Zwanzig lagen in dem Saal.
Heute war Matzke nicht im Konsum. Das Fieber.
„Was?“, fragte ich.
„Mein Bein. Ich kann es nicht hier lassen. Ich habe es von der Westfront und aus Stalingrad wieder mitgebracht. Es ist ein gutes Bein. Ich habe es immer gemocht, mehr als das rechte. Ich kann es nicht hier lassen.“ In seinen Augen glänzte das Fieber. Es machte ihn jung. Für einen Moment dunkelte sein Haar, schwarz. Die Haut glättete sich. Seine Lippen – voll und frech.
Dann rappelte der Fahrstuhl und hielt. Ich bugsierte sein Bett den Gang entlang, durch die Schwingtür, hinein in den gefliesten Vorraum und wurde von der OP-Schwester durchgewunken. Wir hievten ihn auf den Tisch. Während die Narkose eingeleitet wurde, schrubbten wir uns die Hände. Der Oberarzt beanspruchte einigen Raum. Er aß gern. Er war nicht in Stalingrad gewesen, sondern in Norwegen, bis ihn die Engländer für einige Zeit beköstigten. Oder eben nicht. Der Dritte war ein müder Mensch in den Vierzigern, der nicht viel sprach, aber ein großartiger Diagnostiker war.

Der erste Schnitt ist immer der schlimmste. Heiles gibt plötzlich sein Inneres frei.

Er verlief eine Handbreit überm Knie. Eine halbe Stunde später – grobe Nähte, Verband, Warten. Sie setzten mich auf einen Stuhl neben Matzke, damit ich seinem Erwachen zusähe. Im OP klapperte die Schwester.

„Bring es mir“, sagte Matzke mit verschleiertem Blick und seiner Hand auf meiner. Sie fühlte sich ruhig und trocken an. „Du bist die Einzige …“
„Aber …“, sagte ich.
Die Schwester fuhr Matzkes Bett den Flur entlang, durch die Schwingtür … Sie hatte mir sein Bein in den Arm gelegt.

Ich kann es doch nicht einfach hier lassen. Ich sitze auf einem Stuhl neben einem der Monsterkühlschränke. Schließlich gehen wir, das Bein und ich, die Treppe wieder hinab.

Auf der Station ist es still. Ich winke dem Pfleger zu, als ich am Stationszimmer vorübergehe, sage: „Matzke“, er nickt und ich betrete den Saal. Straßenlampen werfen schmales Licht in den Raum. Jemand stöhnt. Manche flüstern. Matzke liegt gleich links im ersten Bett. Ich sehe sein Gesicht in den weißen Laken, ein dunkles Oval, setze mich zu ihm.
Ich lege ihm sein Bein aufs Bett.
„Danke“, sagt er und streichelt es.
Nach einer langen Weile, in der er sein Bein streichelt, sag ich: „Ich muss jetzt. Was machen wir mit ihm?“
„Ich werde es begraben.“
„Aber Sie können nicht. Bis Sie heil sind und Ihnen eine Prothese angepasst worden ist, stinkt es.“ Ich denke, sie werden es ihm morgen noch einmal nehmen, nach oben ins Labor bringen und dann der Entsorgung von menschlichen Köperteilen überantworten. Ich kann Matzke immer noch nicht besonders leiden. Er legt seine Hand auf meinen linken Oberschenkel. Ich verstehe ihn.

„Gut“, sage ich und spüre noch die Wärme seines Beines durch das Tuch.
Dann gehe ich hinaus in den Park, finde in der Gärtnerei einen Spaten und hoffe, dass die Katzen mich nicht gesehen haben.

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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