Monika Geier: Alles so hell da vorn [Rezension]

61TDOi0mIWL._SX318_BO1204203200_Impressionistisch, punkig und knallhart

Schwerer, heißer August. Unter der boshaften Eibe, die Tante Elfriedes Anwesen bewacht, bleibt es ebenso feuchtkalt wie in dem alten Kasten von Haus. Einiges ist in Bettina Bolls Leben passiert seit sie in „Die Hex ist tot“ ermittelte, halbtags, versteht sich. Die Kinder ihrer toten Schwester sind gewachsen, Tante Elfriede liegt auf dem Friedhof und der klapprige Taunus macht’s auch nicht mehr lange. Immerhin hat Boll die Chance, ihr Erbe zu Geld zu machen, das der kleinen Familie helfen würde, endlich aus dem schäbigen Plattenbau auszuziehen, ein Erbe mit einem bösen Geist allerdings, der sich nur verzieht, wenn Kinderlachen und Sonnenflecken das Haus durchfluten.

Das Haus. Es ist das erste Bild in diesem Roman – eines, das für Familie stehen kann – strahlt romantisch, flirrt impressionistisch, droht finster mit einem Geheimnis im Keller und entwickelt einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Krass dagegen geschnitten die nächste Szene: Wir finden uns in einem Bordell am Stadtrand oder vielmehr im Kopf einer der Huren wieder, ganz nah, so als wäre ich du. Jung ist sie, viel zu jung, namenlos oder vielnamig mit verschwommener Identität. Ganz wunderbar dargestellt von der Autorin, die die Folgen früher Gewalterfahrung im brüchigen Selbst des Mädchens zeigt.

Manga, oder wie immer sie heißt, erschießt Bolls Kollegen und Freund Ackermann mit seiner eigenen Waffe, tötet einen Zuhälter und flieht in dessen Auto, nicht ohne zuvor die Polizei zu rufen. Und … wird zu der vor zehn Jahren verschollenen Meggie. Boll hat Dienst. Und so schlittert sie mehr in die Ermittlung, als dass sie beauftragt würde, schließlich ist sie halbtags und zu vertraut mit Ackermann gewesen. Was auch von Vorteile sein könnte, findet ihr grauer Vorgesetzter.

Bettina Boll ist klug, zugewandt und ein bisschen verpeilt. Zu viele Aufgaben: Die Kinder, der Hausverkauf, Ackermanns Tod, keine Ordnung in der Handtasche und keine im Leben, dafür aber unorthodoxe Ideen. So ist das nämlich bei kreativen Menschen. Die Vorurteile und Urteile ihrer Kollegen schüttelt sie ab, die kennt sie einfach zu lange:

„Undercover in der Frauenwelt. Auch so eine Sache: Wenn sie jedes Mal einen Mann vorschicken müsste, um eine Männergeheimnis zu erfahren, dann könnte sie die Arbeit einstellen.“

Das Ich im Wir

Oft genug begegnet ihr männliche Herablassung, aber auch weibliche Missgunst wie in der Primasener Soko, die vor allem Dienst nach Vorschritt absolviert und mittels überbordendem Loyalitätsanspruch streng hierarchischer Systeme und pathologischer Familien die Neue, die Andersdenkende, also Boll, ausgrenzt. Überhaupt Familie. Immer wieder taucht sie auf: Als problematisches System, als illusorisches oder nicht vorhandenes. Gekonnt webt Monika Geier den Zusammenhang von Ich und Gemeinschaft in Genese und Wirkung samt der sich entwickelnden Dynamik. Da wird nichts erklärt. Keine noch so schlimme Kindheit produziert nur Opfer oder Täter, wie uns viele Krimis weismachen wollen. Jeder Charakter hat seine Geschichte oder kämpft darum:

„Was du brauchst, wirklich brauchst, um zu überleben, um Mensch zu sein, ist: eine Geschichte.“

hausEin Satz so wahr und zentral, dass eine ganze Bibliothek voller Philosophie, Psychologie, Geschichte und Neurobiologie daran hängt. Die Namen, die zum Teil lustig wie in einem Kinderbuch daherkommen – Zhalgout, Anstatt, Gutvatter – und so unspezifisch wie bei MangaMeggie, enthüllen die Zerbrechlichkeit der Geschichten und der Identitäten, die mit ihnen bezeichnet werden, oder den Irrtum, dem man aufsitzen kann, wenn man sich an Etiketten, wie Namen welche sein können, orientiert. Dunkelbunte Beschreibungen, literarische und popkulturelle Anspielungen verleihen dem Roman zuweilen eine märchenhafte Anmutung. Doch bevor man sich im Romantischen verliert, steckt man im bösartigen Morast der organisierten und institutionell supportierter Kinderprostitution.

Monika Geiers Roman schärft den Blick auf bittere Realitäten. Die Grundlage des individuellen Seins und damit die funktionierender Sozialsysteme – Vertrauen in sich selbst und die Welt – wird von denen, die Macht ausüben, gewaltsam boykottiert, bis sie in Frage steht. Das und natürlich die üppigen Bilder, die harten Schatten, die subtile Komik machen die Qualität dieses grandiosen Romans aus.

Monika Geier. Alles so hell da vorn. Roman. Argument/Ariadne Verlag Hamburg 2017. 352 Seiten, 13 Euro.

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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2 Antworten zu Monika Geier: Alles so hell da vorn [Rezension]

  1. arnoldnuremberg schreibt:

    Hier zitiert ist eine mögliche Frage Nummer 20 zur Motivation, einen Kriminalroman zu schreiben: eine Geschichte erzählen …

    Gefällt mir

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