Spreewaldgrab – ohne Etikett gelesen

 

51ktbpowroL

 

 

Christiane Dieckerhoff, Spreewaldgrab, Kriminalroman, Ullstein Berlin, 2016, 352 Seiten, 9,99 Euro

Über „den Regio-Krimi“ ist genug geschrieben und geschimpft worden, häufig zu Recht. Doch Etiketten sind heikel, dienen sie sowohl der Orientierung als auch dem Vorurteil. Deswegen sollte man sich das Einzelne gelegentlich genau ansehen.

„Spreewaldgrab“ ist ein konventionell angelegter Krimi mit Handlungsort, wie der Titel verrät, im Spreewald – Fließe, Kähne, Fachwerk, Idylle, die Legende über die Entstehung des Spreewalds zur Illustration. Der Roman beginnt mit einer Szene von Gefangenschaft, nichts Neues für den routinierten Leser. Aber die Frau, die da namenlos im Verließ vegetiert, wird nicht einfach vergessen, um sie, objektiviert wie in vielen Krimis, am Schluss zu retten oder sterben zu lassen, sondern bekommt eine Stimme, besser gesagt: viele Stimmen. Plastisch und eindrücklich stellt die Autorin das Phänomen der Dissoziation dar, diesen „Trick“ der Seele, der es dem Individuum ermöglicht, Lebensgefahr zu überleben. Überhaupt gelingen Christiane Dieckerhoff wunderbar komplexe Charaktere. Der „Halbvietnamese“ Thang zum Beispiel, der seine Rachewünsche nach erlittener Ausgrenzung kanalisiert, in dem er Polizist wird, an seiner Seite eine Frau mit Bing Eating Disorder. So kenntnisreich und detailliert, wie anschaulich und plausibel zeigt die Autorin die sozialen Auswirkungen der Esssucht in dieser Nebenfigur. Schmerz und Wut unter dem Fettmantel der Frau werden spürbar. Keine Didaxe, gleich gar keine Häme.

Oder die Neue, Klaudia Wagner aus dem Ruhrpott, die im Mord eines Unternehmers ermittelt, während die Menièresche Erkrankung ihr den Boden unter den Füßen schwanken lässt, der ohnehin instabil ist, nachdem ihr Freund sie austauschte.

Es sind die bildstark und mitfühlend erzählten Beobachtungen des menschlichen Soseins, die den ersten Roman der geplanten Reihe zu etwas Besonderem in der Flut der „Regio-Krimis“ machen. Mühsam, aber lohnenswert ist es, Etiketten abzukratzen.

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Rezensionen abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Spreewaldgrab – ohne Etikett gelesen

  1. Philipp Elph schreibt:

    Ein Begriff mit „Regio“ oder ein ähnlicher Begriff auf dem Cover veranlaßt mich fast immer, die Hände – und Augen – davon zu lassen. Wenn ich dennoch den Klappentext oder eine Rezension dazu lese, erkenne ich manchmal, dass derartige Begriffe recht irreführend sind, denn dahinter kann sich ein ganz normales oder auch ein ganz besonderes Buch mit einer interessanten Geschichte verbergen, geschickt mit einem Thema verknüpft, verankert mit bestimmten historischen oder anderen Ereignissen. Mag sein, dass Verlage den Regio-Krimi-Subtitel als verkaufsfördernd ansehen, mir hilft diese Klassifizierung bei der Auswahl der Lektüre nicht.

    Gefällt mir

  2. Der Titel hört sich sehr interessant an, vor allem da ich den Mythos des Spreewaldes sehr schätze! Die Spreewaldkrimis des ZDF lösten eine regelrechte Faszination dieser Auen- und Moorlandschaft in mir aus.

    Liebe Grüße vom
    Buch- und Medienblog.com

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s