Niemands Land – Schnipselchen vom Nächsten

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Eine Menschentraube hat sich gebildet und ich kann nicht genau erkennen, was vorgeht. Nach wenigen Minuten tragen sie die Männer ins Haus, nach weiteren Minuten bringen sie sie in die Küche und legen sie auf den Boden. Alba sagt etwas zu den Nachbarn, vier sind es, die nicken verstehend, grüßen verhalten und gehen wieder. Blas ist weiß im Gesicht, bläuliche Lippen, ein dunkler Fleck breitet sich auf seinem Shirt aus. Sein Brustkorb hebt sich kaum, er atmet mit offenem Mund und bebenden Nasenflügeln. An seinem Hals tritt eine Ader hervor. Spannungspneu, denke ich kurz, ohne Genaueres zu wissen. Es muss schnell gehen, wenn er weiterleben soll. Dario daneben hat die Augen geschlossen, bis auf den fehlenden Atem fehlt ihm nichts. Mirtha kniet zwischen ihnen, weint. Alba hantiert am Herd mit Töpfen und Kräutern, Gläschen und Fläschchen, wendet den Kopf und fährt Mirtha an. Augenblicklich schweigt die junge Frau. Alle stehen herum, Hoffnung ist auf Alba gerichtet. Gegen die Vernunft untersuche ich Dario. Ich weiß, dass er tot ist, vielleicht fast tot. Mit Toten kenne ich mich aus. Ich sollte mich um Blas kümmern, den Regeln folgen. Rette, wer zu retten ist, die anderen zu den Moribunden. Kriegslogik. Ich müsste wahrscheinlich ein Löchlein in Blas‘ Thorax machen. Aber ich untersuche Dario. Tatsächlich sind seine Pupillen noch rund und reagieren auf das fade Licht, ein feiner, finaler( (?) Luftstrom kommt aus seinem Mund.

„Was?“, frage ich.

Da öffnet er die Augen. Schaut. Schaut nur. Zu wenig Luft zum Sprechen.

„Jemand hat ihm einen Knüppel ins Genick gedroschen. Hat ein Nachbar gesagt.“ Albrecht.

Wirbelfraktur? Welche Höhe? Ich drücke seine Hände, sie bleiben schlaff. Sein Brustkorb hebt sich, kaum.

„Wir brauchen einen Rettungswagen.“

Albrecht übersetzt. Alba sagt etwas, lacht rau und bissig.

„Bis der hier ist …“ Albrecht schüttelt den Kopf.

Okay, keine Chance. Ich sollte mich um Blas kümmern. Dario zu den Moribunden. Aber …

Alba scheucht alle hinaus bis auf Albrecht, der übersetzen soll, und mich. Sie hat irgendein Zeug gebraut, spricht mit geschlossenen Augen, wedelt die Hände über Blas. Ich sehe Albrecht an.

Der hebt die Schultern. „Voodoo oder so.“

„Voodoo? Er braucht einen Kugelschreiber, den man ihm in den zweiten Zwischenrippenraum stecken sollte. Hast du einen Kuli? Und ein Messer?“

„Metha, ich …“

„Such ein Messer.“

Dario. Der Junge schaut aus großen Augen auf die Decke der Küche, auf mich, auf den kurzen Rest seines Lebens. Mein Hals ist eng.

„Sie wollten sich um unsere Papiere kümmern.“

Ich hatte nicht einmal bemerkt, dass sie fort waren. Ich hab gelacht und getanzt. Es war, als wäre ich jung.

Jung.

Jung bin ich noch. In meiner Jackentasche finde ich das Fläschchen. Nie habe ich jemandem von dem Inhalt gegeben. Zu verheerend die Wirkung. Darios Lider senken sich über seine Augäpfel.

Jemand reißt die Tür auf. Plötzlich stehen zwei Fremde im Zimmer, als wäre es ihres, herrschen in Spanisch. Alba duckt sich, träufelt aber Blas etwas von dem Sud, den sie bereitet auf die Stirn, spricht leise und eindringlich. Albrecht redet mit den Fremden in einem devoten Ton, den ich an ihm nicht kenne.

„Teniente Conde und sein Assistent Manolo“, sagt Albrecht.

„Mach keine Witze“, sage ich. Leute aus Romanen stehen nicht plötzlich lebendig vor einem, die gibt es gar nicht.

„Sie beschuldigen uns.“ Albrecht sieht nicht nach Witzen aus. „Sie sagen, wir wären illegal.“

„Hab ich keine Zeit für.“ Meine Knie schmerzen und ich habe mich entschlossen. Ich drehe den Verschluss von dem Fläschchen, fasse mit dem Finger hinter Darios Zähne und ziehe den Unterkiefer nach vorn, zögere. Mein Herz schlägt schnell. Gebe ich ihm von der Substanz, wird er lange, ewig womöglich leben. Tue ich es nicht, endet hier und jetzt seine Zeit. Beides ist falsch.

Es war auch falsch nichts zu tun. Das war besonders falsch, weil die drei Menschen von dem Floß dann tot waren.

Dario atmet nicht mehr. Ich hebe seine Lider. Allmählich weiten sich die Pupillen, verlieren ihr gleichmäßiges Rund. Der Tod ist schon in ihnen. Nein, es ist nicht egal, wie man die Ewigkeit verbringt!

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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