Kritik – das Böse an sich? Schreiben Sie doch selbst eine Rezension!

Dies ist ein Beitrag, den ich anlässlich einer Veranstaltung auf der CRIMINALE 2015 (Festival des SYNDIKATS) erarbeitete.

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Was ist Kritik?

Kritik ist …

Hallo Sie? Ja, Sie! Wie sehen Sie denn aus? Modisch danebengegriffen heute, hm? Die Schuhe sind ja im letzten Jahrhundert stecken geblieben. Und Sie da zur Linken? Liegen ja noch viel danebenerer!

Ist das mit Kritik gemeint? Nein, natürlich nicht. Und deshalb: Verzeihen Sie bitte vielmals! Ihre Schuhe können nicht Gegenstand meiner Beurteilung sein, weil sie ganz allein Ihren Werturteilen unterliegen. Dies sollte nur ein kleines Beispiel sein, was Kritik NICHT ist.

Bedauerlicherweise wird Kritik häufig mit Schmähung, Herabsetzung und persönlichem Angriff gleichgesetzt. Ein Irrtum, der sich seit der Entstehung von Literaturkritik im 18. Jahrhundert hartnäckig hält und allerlei Streiterei auch zwischen den Großen der Zunft (Literaturkritiker rekrutierten sich zunächst aus den Schriftstellern selbst) heraufbeschworen hat. Tatsächlich gab und gibt es Schmähungen nicht nur auf Schuhe, sondern auch auf Texte bezogen, die als solche identifiziert zurückgewiesen gehören. Mit der im Grundgesetz verankerten Meinungsfreiheit hat das nichts zu tun, vielmehr gilt es den ebenso verankerten Schutz der Persönlichkeit zu wahren.

Nun fällt es einem gewiss leichter, die Schmähung seiner Schuhe abzuweisen, als jene von so etwas Persönlichem wie einem Text. Aber man sollte. Und man sollte andere Autoren darin unterstützen, sich gegen Herabsetzung zu wehren. Begründete Kritik hingegen, sollte zur Kenntnis genommen und erwogen werden, gleichgültig ob sie den Text lobt oder ablehnt. Dies bedeutet eine ordentliche Herausforderung für einen Autoren. Zwar ist ein Text von außen betrachtet erst einmal das Produkt einer Arbeit, aber eben einer besonderen, der Denkarbeit. Nun bildet das Denken eine untrennbare Einheit mit dem Handeln und dummerweise auch mit dem Fühlen, wobei der direkte Zugang auf Letzteres gleich Null ist und nur über denken und handeln beeinflusst werden kann. Ein erdachter und gemachter Text hat durch diese unlösbare Verknüpfung wesentlich mit der Persönlichkeit des Autors zu tun. Deswegen gilt es zum einen für den Urheber des Textes, ihn als beurteilbares Objekt zu distanzieren, und zum anderen für den Kritiker, größtmögliche Sorgfalt bei seiner Auseinandersetzung mit dem Text walten zu lassen. Diesen gegenseitigen Respekt zu wahren, fällt vielleicht leichter, wenn man sich „Kritik“ und ihre Funktion näher anschaut.

„Das Wort „Kritik“ wurde am Ende des 17. Jahrhunderts aus dem Französischen übernommen.[3] Das französische Wort critique wiederum geht auf griechisch κριτική [τέχνη] (kritikē [téchnē], abgeleitet von κρίνειν krínein‚ [unter-]scheiden‘, ‚trennen‘) zurück. (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kritik)

Kritik ist also, nimmt man die Wortbedeutung, das Tennen und Unterscheiden. Damit schafft sie die Möglichkeit des Vergleichs, in unserem Falle des Vergleichs von Texten, was, so allgemein formuliert, eine überbordende Herausforderung zu sein scheint, betrachtet man die Berge von Texten, die es bereits gibt und die sich durch Lawinen von Neuerscheinungen zu unüberwindlichen Gebirgen auftürmen. Gerade aus der Unübersichtlichkeit der Masse von Texten gewinnt die Literaturkritik als Vermittlungsinstanz zwischen Literatur und Leser ihre Bedeutung. Sie schafft Struktur, Überblick, Diskussionsbasis, selbst für den, der keine Rezensionen liest, denn die Einordnung eines Werkes wird u.a. von der Kritik mitbestimmt. Und diese Einordnung wird ebenso rezipiert wie das Werk selbst und wirkt auf seine Wahrnehmung zurück. Das will heißen: Empfehlen Ihnen ein Freund, die Buchhändlerin oder die Nachbarin ein Buch, tun sie das aus eigner Kenntnis des Werks oder aufgrund der Informationen, die sie zu dem Werk gewonnen haben.

Wer eine genauere Definition des Begriffs „Literaturkritik“ haben möchte, den verweise ich an das Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaften. Es enthält einen mehrseitigen Eintrag von Herbert Jaumann zum Begriff.

Natürlich gibt es eine Vielzahl von Faktoren, die ein Werk an einen bestimmten Ort in der Literaturlandschaft stellen. Thema, Gattung, Genre, Verlag, Präsenz des Textes bzw. Autors in der Öffentlichkeit, Klappentext, Cover, Seitenzahl, frühere Werke einer Autorin, andere Texte, die Vergleichskriterien ermöglichen, historische Bedeutung, Realitätsnähe, Relevanz in der Zeit, um nur einige Faktoren ungeordnet und unvollständig zu nennen. Auch diese Faktoren werden bei der kritischen Betrachtung eines Textes einbezogen, sicher nicht alle und nicht immer.

Nun könnte man einwenden, dass es in Zeiten des Internets einfach geworden sei, sich über Produkte wie das Buch eines ist, zu informieren. Eine riesige Zahl von Literaturportalen, Zeitungen, Bloggern, Social-Reading-Plattformen, online-Shops und Literaturmagazinen und die dahinter stehenden Menschen erzeugen täglich Empfehlungen, beurteilen, geben ihre Meinung ab, warnen und loben …

Eben.

Ist schon die Vielfalt der Werke nicht zu überschauen, sind es die Reaktionen darauf noch weniger. Statt Systematik und Übersicht zu schaffen, wozu Literaturkritik ursprünglich angetreten ist, haben wir es mit einer Informationsflut zu tun, deren Ausmaß mit der Internetnutzung fortschreitet. 2013-11-12 20.14.57

Angesichts dessen soll ich Leserlein Rezensent werden und auch noch meinen Senf zu einem Buch dazu geben? Das scheint im ersten Moment höchst überflüssig. Darauf, dass es dennoch sinnvoll sein kann, möchte ich später ausführlicher eingehen.

Kleiner historischer Exkurs

Die Literaturkritik ist ungefähr 300 Jahre alt. Keine Panik, ich mach’s kurz. Ich glaube, es lohnt sich, etwas über die Anfänge der Literaturkritik zu wissen, um ihre Bedeutung zu verstehen einerseits und sich selbst andererseits irgendwie zu ihr zu positionieren. In Vorbereitung auf diesen Vortrag wählte ich ein Buch, das sich an Studenten und Nicht-Literaturwissenschaftler wendet. „Literaturkritik“ heißt es und wurde 2007 von Thomas Anz und Rainer Baasner beim Verlag C.H. Beck herausgegeben. (Am Rande: In dem ich eine Auswahl traf, die ich hier präsentiere, bin ich bereits Teil eines kritischen Diskurses über dieses Buch, ohne dass ich ein spezifisches Werturteil abgegeben hätte außer dem, dass es sich um ein allgemein verständliches Werk für Nichtfachleute handelt.) Wer sich einen Überblick über die Geschichte der Literaturkritik verschaffen will, ohne sich in „Literaturwissenschaften“ zu immatrikulieren, ist mit diesem Buch für’s Erste gut bedient. (Am Rande: Dies ist sowohl Wertung, als auch Empfehlung für einen speziellen Zweck, und damit eine literaturkritische Aussage.)

Eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung der Kritik, war die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg 1450 und seine Fortentwicklung. Dadurch nämlich wurde es möglich eine Produktion von Büchern auch populärer Art zu realisieren. Klingt banal, hatte aber zur Folge, dass die Menge der Bücher, die über die Zeit produziert wurde, nicht mehr erfasst werden konnte. Ich überspringe mal fix zwei Jahrhunderte wegen kirchlicher Hegemonie in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft und lande im Spätbarock. Im ausklingenden 18. Jahrhundert wurde es zumindest den Gutsituierten durch bessere ökonomische Bedingungen (der 30jährige Krieg liegt ein halbes Jahrhundert hinter ihnen) möglich, von dem Kulturgut Buch Gebrauch zu machen. So wuchsen mit der Technik, den neuen politischen und sozialen Bedingungen nicht nur Interesse und Bedarf, sondern auch die Notwendigkeit der Systematisierung von Literatur. Der Plan war, alle Neuerscheinungen zu erfassen und zu beurteilen, zu kanonisieren oder eben von Kanon auszuschließen. Literaturkritik fand in Monatszeitschriften wie dem 1773 gegründeten „Teutschen Merkur“, später dem Familienblatt „Die Gartenlaube“, um zwei ungleiche Zeitschriften zu nennen, und in Vor- und Nachworten von literarischen Werken statt. Dabei bildete sich in Zeitschriften eine Debatte mit Rede und Gegenrede zu einem literarischen Diskurs heraus. Im 18. bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde der Rezensent anonymisiert („programmatische Anonymität“ s. S. 23), um juristische Händel zu vermeiden, die Verleger und Redakteure Geld und Reputation gekostet hatten. Damit stand der Rezensent zum einem hinter dem Werk zurück, und lief zum anderen nicht Gefahr, mit harschen Reaktionen empfindlicher Autoren konfrontiert zu werden. Dieses Phänomen ist offenbar keine Erfindung der letzten Jahre. Sinn der „programmatischen Anonymität“ war es auch, Unparteiischkeit zu realisieren, heißt in niemandes Interesse zu rezensieren als im Interesse des Textes und seiner Einordnung. „Die Auswirkungen der Anonymisierung prägen die Kritik wie kaum etwas anders, sie verschaffen ihr Macht und Ansehen im Guten wie im Schlechten.“ (Baasner S.24) Begründet, interessenfrei, textbezogen zu rezensieren ist eine Forderung an die Kritik geblieben.

Aufgrund der Fülle an Neuerscheinungen, scheiterte der Plan, alle zu erfassen und endete in einem letzten Versuch des Brockhaus‘ „Central-Anzeigers“ (1851-1867). Fachliche Eingrenzung, Regelpoetik, die Berufung auf die „Vernunft“ sind Mittel im Versuch, dem Dilemma von überbordender Buchproduktion, Beschleunigung des Publizierens und dem Anspruch, zu sortieren und zu kategorisieren, sowie all das dem Leser in nützlicher Weise darzustellen, beizukommen. Irgendwie ist es bis heute bei diesem Dilemma geblieben, wenngleich die Abgrenzung zwischen wissenschaftlichem und öffentlichem Diskurs ebenda in der Mitte des 18. Jahrhunderts ihren Anfang nahm, und so immerhin eine Sortierung in der Betrachtungsweise vorgenommen war. Die Aufklärung, aber auch Strömungen – Sturm und Drang, Klassik, Romantik – prägten den Blick auf die Literatur ebenso wie sie die Literatur selbst prägen. Alle Gesellschaften tun das, ist ja klar. Dies soll nicht im Einzelnen ausgeführt werden. Um sich einen Überblick zu verschaffen, eignet sich der Sammelband „Literaturkritik“ sehr. Es unterlegt aber den aktuellen Anspruch an die Kritik von Kriminalliteratur, dass der Rezensent sich in seiner Zeit und in der Welt, in der er lebt, bitte auskennen möge und ihr reflektierend begegne. Wobei wir bei den Forderungen an den Rezensenten angekommen wären.

Forderungen an den Rezensenten

An dieser Stelle kann und will ich Ihnen einen wunderbar treffenden, witzigen Text von Thomas Wörtche aus dem Jahr 2007, zu finden bei Kaliber.38, der sich selbst bestätigt und ironisch bricht, nicht ersparen. Es ist völlig unmöglich, ihn zu zitieren, weil es unmöglich ist, eine Auswahl zu treffen: „Was muss eine Rezension von Kriminalliteratur leisten?“

Hat man diesen „unverschämten“ Forderungskatalog gelesen, kann man doch gleich den Stift fallen lassen und die benachbarte Kneipe aufsuchen, nicht?

Oder halten wir es mit Stephan Porombka, der in seinem Band „Kritiken schreiben“ (UVK Verlagsgesellschaft mbH 2006, S.27) fordert: „Eigentlich müsste der Kritiker ein Polyhistor und Alleswisser sein, ein Generalkenner und Alles-mit Allem-Vernetzer, der über die ganze Welt und ihre Geschichte Bescheid weiß.“?

Okay. Gott?

Entscheiden wir uns nun wider alle Vernunft doch dafür, eine Rezension zu verfassen …

Wie schreibe ich eine Rezension und warum sollte ich?

Beginnen wir mit dem zweiten Teil der Frage. Tatsächlich gibt es keinen zwingenden Grund, Rezensent zu werden. Überall tummeln sich Leute, die Bücher besprechen. Online-Verkäufer wie Amazon animieren ihre Leser, ihre Meinung sternchenförmig abzugeben. Je mehr Sternchen, umso unwesentlicher der Text, der sie belegen könnte. Dabei ist nicht prinzipiell etwas gegen Rankings zu sagen, auch nicht gegen welche in Schulnotenskalierungen. Sie vereinfachen die Wahrnehmung und schaffen Überblick, eigentlich. Und wie bei jeder Vereinfachung reduziert sich der Gehalt. Natürlich kann man sich an den Amazon-Sternchen und/oder Bestsellerlisten orientieren, schließlich kommt es darauf an, wonach man sucht. Und ob sich ein Buch gut oder weniger gut verkauft, sagt nichts und zwar überhaupt nichts über seine Qualität aus, sondern nur über den Verkauf. Etwas ausführlicher, aber qualitativ ebenso unterschiedlich, was die Begründungen betrifft, geht es in der Bloggerszene zu. Also warum sollte ich in alldem Getöse auch noch meine Stimme für ein Werk erheben?

Ich denke, wenn man schreibt, ist es nicht nur nützlich, zu lesen, welche Themen andere Autoren aufgreifen und wie sie sie umsetzen, sondern auch, sich gründlich mit den Texten auseinanderzusetzen. Zwangsläufig lese ich ein Buch genauer, analytischer, wenn ich darüber etwas sagen möchte, als wenn ich es vergnügt konsumiere. Dabei ist es erst einmal egal, ob ich mit dem Text einverstanden bin oder nicht, denn in beiden Fällen muss ich nach Gründen fahnden, weshalb das so ist. Und in dem ich das tue, vergleiche ich meine eigene Arbeit auf verschiedene Parameter hin, was ihr im günstigsten Fall nützt. Liest man z.B. ein Buch, das einen wegen seiner Ästhetik, seiner speziellen Perspektive auf ein Problem, seiner Figurgestaltung, was weiß ich, begeistert, lernt man auf überaus unterhaltsame Weise etwas für die eigene Arbeit. Tut ein Buch all das nicht, lernt man auch etwas, zugegeben mit weniger Spaß. Muss man das eine wie das andere begründen, bleibt einem nix übrig, das die Textur des Werkes zu erforschen. Insofern finde ich es hilfreich, zu rezensieren, gleichgültig, wie viel Aufmerksamkeit dem Ergebnis meines Tuns dann zu Teil wird.

Aber wie mache ich das denn nun? In Stein gemeißelte Regeln gibt es nicht, aber gewiss ein paar Anhaltpunkte.

  1. Ich muss das Werk lesen! Ganz durch, wohlwollend und vorurteilsfrei. Natürlich sind wir nicht vorurteilsfrei. Schubladen braucht jeder, um sich nicht die Welt täglich neu erklären zu müssen. Aber wenn ich generell keine Lyrik lese, ist es verboten, ein Gedicht zu rezensieren.
  2. Ich muss das Werk verstehen. Wenn nicht, was ja aus vielerlei Gründen so sein kann – bitte nix dazu sagen.
  3. Ich sollte etwas über die Autorin und ihr bisheriges Werk wissen.
  4. Ich sollte etwas über die Zeit wissen, in der das Werk entstanden ist, um die Umstände ggf. in der Rezension zu berücksichtigen.
  5. Ich sollte Ähnliches und gänzlich Anderes gelesen haben, um vergleichen zu können.
  6. Ich muss die Relevanz beurteilen. Der zweihundertste Roman über die Rache am Ehegatten ist eher nicht so relevant.
  7. Ich muss meine Fähigkeit des Schreibens in den Dienst des zu beurteilenden Textes stellen.
  8. Ich gebe ein Werturteil auf der Basis der aktuell geltenden Moral ab. Natürlich kann/sollte ich die moralischen Grundsätze von heute mit denen vergleichen, die in der Zeit, in der das Werk entstand, eine Rolle spielten.
  9. Ich belege meine Einschätzung mit Textstellen oder einer Zusammenfassung von ihnen. Zumindest muss ich sie belegen können, wenn mich einer fragt.

Wenn ich die Punkte jetzt noch einmal anschaue, wirken sie mächtig freudlos. Dabei geht es bei einer Rezension darum, eine gute Geschichte über einen Text zu erzählen. Und das können wir doch, oder?

Wahrscheinlich ist meine Liste außerdem sträflich unvollständig. Um eine Rezension zu verfassen, kann man, naja, das einfach machen, oder man kann sich Stephan Porombkas „Rezensionen schreiben“ vornehmen und der schrittweisen Einführung in diese Tätigkeit folgen. Der Autor des Buches lehrte Literaturwissenschaften in Hildesheim und ist heute als Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der UdK Berlin tätig. Neben Theoretischem und dem eindringlichen Hinweis, Stoff zu sammeln (Kapitel 2, „Das Kulturjournal“) enthält das Buch eine Reihe von Übungen, die im jeweiligen Abschnitt Gelerntes vertiefen sollen. Selbst wenn man die Informationen nicht nutzen möchte, ist es ein unterhaltsames Buch. (Am Rande: Hier sage ich etwas über den Autor, seine Intention, über Inhaltsaspekte des Werks mit kurzem Verweis auf den Text, und gebe ein Urteil ab. Dies ist zwar keine Rezension, aber eine Mini-Kritik.)

Gesetzt den Fall, ich habe mich nun entschlossen, eine Rezension zu schreiben, und kriege das Teil auch fertig – Was mache ich dann damit?

 

Wo kann ich sie veröffentlichen?

Wie bereits erwähnt, gibt es zahlreiche Literaturplattformen, auf denen man Rezensionen einstellen und/oder mitdiskutieren kann. Sich durch das Dickicht der Angebote zu schlagen, muss leider jedem selbst überlassen werden, denn es gibt so vielfältige Motive, Geschmäcker und Ansprüche, wie es Bücher und Bücher über Bücher gibt. Ich kann an der Stelle nur etwas zu meinen Erfahrungen sagen. Seit 2013 betreibe ich den Blog Wort&Tat, auf dem ich unregelmäßig Rezensionen einstelle. Zuerst benutzte ich die Blogspot-Grundlage und zog später wegen der besseren Handhabbarkeit zu WordPress um. Der Wunsch, einen Blog zu betreiben, entstand aus dem Bedürfnis, Texten, die sonst nirgendwo veröffentlicht werden können, einen Ort zu geben. Außerdem arbeite ich seit 2011 bei CULTurMAG mit, auch dort unregelmäßig rezensierend. Rezensionen, die dort nicht eingestellte werden konnten, weil es sich bei den Werken z.B. nicht um Neuerscheinungen handelte, sind auf dem Blog gut aufgehoben. Schreibt man über Bücher, trifft man zwangsläufig andere Menschen, die das auch tun. So bildete sich nach und nach ein Netz von Interessierten. Und inzwischen bin ich überrascht, wie weit einzelne Blogbeiträge reichen.

Eine Auswahl von Blogs mit qualitativ überzeugenden Rezensionen s. „Blogroll“.

Was nützt mir ein Blog und was nützt er anderen?

Ob man einen Blog führt oder nicht, ist eine persönliche Entscheidung. Wenn man davon ausgeht, dass die öffentliche Aufmerksamkeit nicht nur auf die Bücher gerichtet ist, die wir geschrieben haben, sondern auch auf die Person, die hinter den Texten steht, ist ein Blog eine Möglichkeit, diese Person deutlicher hervortreten zu lassen. Man kann zu dem Phänomen – Öffentlichkeit zu jedem Preis – stehen wie man will, Fakt ist, dass Öffentlichkeit hilft, Inhalt zu transportieren. (Zugeben auch Inhaltslosigkeit, betrachtet man die unterirdischen Fernsehformate wie „Dschungelcamp“, „Bachelor“ und wie sie alle heißen.) In dem wunderbaren Werk „A Taste for Crime“ verweist Nele Hoffmann aufDownload Georg Francks „Ökonomie der Aufmerksamkeit“: „Franck geht davon aus, dass angesichts des steigenden Anteils der ‚geistigen Arbeit am Sozialprodukt‘ die Aufmerksamkeit, durch die die geistige Arbeit in der Wissenschaft wie in der Alltagkultur erst qualifiziert wird, ‚zur generell wichtigen Quelle der Wertschöpfung‘ geworden sei. Ruhm, Prominenz, Reputation und Prestige sind Faktoren, nach denen der ‚Buchwert der Aufmerksamkeit‘ zu messen ist.“ (S. 47). Nun, wenn dem so sein sollte, verschaffen wir uns doch ein wenig mehr Aufmerksamkeit. Wie ein Blog angenommen und verfolgt wird, hängt sicher von vielen Faktoren ab. Inhalt, Vernetzung, Spaß, Provokation, Gestaltung mögen eine Rolle spielen. Ob man seinen Blog alleine betreibt oder mit Partnern, ob man Einkommen über Anzeigen akquirieren möchte – alles eine Frage der persönlichen Haltung und des Geschmacks. Hier sei gesagt, dass sich Literaturblogs wenig für Anzeigen eignen. Einmal, weil die Reichweite gering ist, der Interessentenkreis eingeschränkt, im Gegensatz zu Mode- und Kochblogs z.B., und weil es die Unabhängigkeit gefährdet.

Aber Franck schlägt vor, so Hoffmann, „den negativen Begriff der sozialen Distanz in das positive Maß der Beachtung“ umzudeuten. Dabei kann ein Blog helfen. Versehe ich ihn außerdem mit meinen Rezensionen, erzählt er Wesentliches über meine Lesegewohnheiten, meine Interessen, mein Denken. Sollten dabei neue Argumente, überraschende Perspektiven und spannende Einsichten vermittelt werden, bekommt die „Aufmerksamkeit“ auf mein Tun tatsächlich eine positive Bedeutung für andere.

Wie steht’s mit der Qualität von Rezensionen im Netz?

Kurz gesagt? Unterschiedlich, wie nicht anders zu erwarten. Sie wissen alle, und haben sich sicher schon oft genug darüber geärgert, wie wenig fundiert Rezensionen oder was sich dafür ausgibt daher kommen. Ich denke, wir müssen nicht weiter darüber reden. Stephan Porombka nutzt in seinem Trainingsbuch z.B. den Text einer Amazon-Userin, um daran deutlich zu machen, was er NICHT erzählt, aber erzählen müsste, um eine Rezension zu sein. Sich an einem nicht gelungen Text zu üben, ist eine Möglichkeit. Eine andere ist es, gelungene Kritiken zu lesen, um ein ungefähres Ziel für die eigene Rezensententätigkeit zu ermitteln. An dieser Stelle eine Empfehlung. „A Taste for Crime“ – Zur Wertung von Kriminalliteratur in Literaturkritik und Wissenschaft, so der Untertitel, von Nele Hoffmann, ist zwar keine Rezension von drei Seiten, sondern eine umfassende, vergleichende Studie, aber das Werk eignet sich ausgezeichnet, um sich beispielhaft Klarheit über das Herangehen an Vergleiche zu machen. Aber welche Herangehensweise Sie auch immer bevorzugen – Übungen, Abgucken oder theoriefundiertes Vorgehen – legen Sie los!

Warum?

Weil es Spaß macht! the end

Literatur:

  • A Taste for Crime, Zur Wertung von Kriminalliteratur in Literaturkritik und Wissenschaft, Nele Hoffmann, Blumenkamp, 2012, S. 297
  • Kritiken schreiben, Stephan Porombka, UTB, 2006, S. 248
  • Literaturkritik, Hrsg. Thomas Anz, Rainer Baasner, H.C. Beck, 2007, S. 235

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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14 Antworten zu Kritik – das Böse an sich? Schreiben Sie doch selbst eine Rezension!

  1. saetzebirgit schreibt:

    Danke sehr! Was ist Kritik? Was ist eine Rezension? Und was soll die Bloggerei? Das sind alles Fragen, die mich auch ab und an (oder auch öfter) umtreiben. Und oftmals finde ich dazu nur „intuitive“ Argumente für mich selbst – soll heißen, ich „spüre“ beim Lesen von Rezensionen z.B. auch den Vorurteilen des Kritikers nach, ich sehe den Unterschied zwischen Kritik und Schmähung, kann es aber dann doch auch öfter nicht an handfesten Faktoren festmachen. Das ist eine tolle Ausarbeitung, die ich wohl noch öfter lesen werde. Danke auch für die Anhaltspunkte – das schadet nicht, sich die beim Schreiben immer wieder vor Augen zu führen.
    Und natürlich freue ich mich auch über die Worte zur Blogroll und dass mein Blog darin zu finden ist…da schwellt die Brust ein wenig 🙂
    Herzliche Grüße, Birgit

    Gefällt 1 Person

    • annekuhlmeyer schreibt:

      Freut mich, dass Dich der Text interessiert. 🙂 Du machst ja selbst sehr schöne Beiträge!
      Ich verweise noch mal auf die Literaturliste am Schluss: A Taste für Crime ist super! Nicht ganz mühelos zu lesen, wenn man fachfremd ist, aber es wird, wenn man sich hineinfräst.
      liebe Grüße zurück!

      Gefällt 1 Person

  2. saetzebirgit schreibt:

    Hat dies auf Sätze&Schätze rebloggt und kommentierte:
    Nun fällt es einem gewiss leichter, die Schmähung seiner Schuhe abzuweisen, als jene von so etwas Persönlichem wie einem Text. Aber man sollte. Und man sollte andere Autoren darin unterstützen, sich gegen Herabsetzung zu wehren. Begründete Kritik hingegen, sollte zur Kenntnis genommen und erwogen werden, gleichgültig ob sie den Text lobt oder ablehnt. Dies bedeutet eine ordentliche Herausforderung für einen Autoren. Zwar ist ein Text von außen betrachtet erst einmal das Produkt einer Arbeit, aber eben einer besonderen, der Denkarbeit.
    Ich MUSS geradezu hinweisen auf diesen lesenswerten Artikel bei „Wort & Tat“ – auch hilfreich beim Verfassen von Rezensionen.

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  3. J. Kienbaum schreibt:

    Danke für diesen langen, aber lesenswerten und anregenden Text. Der Bookmark für Deinen Beitrag ist gesetzt, denn ich bin mir sicher, den ein oder anderen Hinweis künftig noch einmal nachzulesen. Als Stichpunkte der ständigen Erinnerung (und Mahnung im positiven Sinne). Als studierter Literaturwissenschaftler müsste ich wissen, wie Literaturkritik geht, aber im Blogalltag wird dann doch vieles gern übersehen oder fällt unter den Tisch. Bei allen Freiheiten, die sich Blogs im Zusammenspiel oder auch im Wettbewerb mit dem „klassischen Feuilleton“ nehmen dürfen/können/müssen, eine gewisse Qualitäts-Basis ist notwendig. Die hast Du hier schön zusammengefasst. Danke. lg_jochen
    P.S.: Falls von Interesse, hinter dem folgenden Link findest Du einige Gedanken, die ich mir vor einiger Zeit über das Bloggen, die Literaturkritik und die Kritik an der Kritik gemacht habe.
    http://lustauflesen.de/7-unschaerfen-ueber-die-kritik-an-der-kritik-und-das-bloggen/

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    • annekuhlmeyer schreibt:

      Das ist ja super, dass Dir der Text was bringt. (Das Studium der Literaturwissenschaften steht für die Rente auf meiner Agenda 🙂 )
      In Deinem Beitrag gehst Du noch mal auf die Unterschiede zwischen Blogbeiträgen und Beiträgen in Printmedien ein. Ich denke, man muss die Mittel nutzen, die zur Verfügung stehen, wenn man sich um eine Sache kümmern möchte. Und wenn man kein Geld damit verdienen muss, hat man einen anderen spezifischen Gewinn. (Die Belohnung mit Geld kann einem nämlich auch die Freude an der Sache verderben.) Insofern machen wir hier alles richtig, wenn wir es ernsthaft tun.
      Danke für den Artikel.
      liebe Grüße

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  4. WortGestalt schreibt:

    Die Literaturlinks dazu sind super, das Thema wollte ich gern für mich auch mal tiefer angehen und denke, ich werde in den Büchern sicher noch viel hilfreiches lesen. Überhaupt treibt mich das Thema immer wieder um, gerade als Bloggerin fühle ich mich den literaturwissenschaftlichen Ansätzen weniger verpflichtet, sondern möchte eher der Leidenschaft für Geschichten Tribut zollen, versuche aber auch immer, einen Mehrwert zu meiner subjektiven Meinung zu liefern, auch ohne Studium der Literaturwissenschaften. 😉 Daher für mich ein sehr interessanter und anregender Text, danke! 🙂

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    • annekuhlmeyer schreibt:

      Ach, ich fand die Beschäftigung mit den Büchern sehr hilfreich. Man nimmt sich halt raus was man braucht und muss Sachen nicht so hoch hängen. Aber mehr Wissen hilft schon feste beim Nachdenken. Ich glaub, ich bin ein bisschen angefixt, mehr Sekundäres zu lesen 🙂 … Freut mich, wenn Du den Beitrag mochtest.

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  5. Christian Weis schreibt:

    Ich kann eigentlich alles aus dem Blogbeitrag unterschreiben.

    Ob ein Rezensent einem Werk wohlwollend gegenüberstehen sollte, lasse ich mal dahingestellt; jedenfalls sollte er nicht mit der Absicht drangehen, das Werk in jedem Fall verreißen zu wollen. Idealerweise sollte er neugierig auf ein Werk sein, was bei einer Auftragsrezension für ein Magazin etc. vermutlich nicht immer der Fall ist. Dass der Rezensent ein Werk verstehen sollte, wenn er seinen Senf dazu gibt, sehe ich grundsätzlich auch so – sollte etwas aber für den „Normalleser“ bzw. die Mehrzahl der aufmerksamen Leser unverständlich geschrieben sein, so darf er diese Unverständlichkeit durchaus kritisieren, finde ich.

    Wer eine Rezension schreibt, übernimmt damit eine gewisse Verantwortung wie jeder, der einen Text veröffentlicht. Allerdings ist nicht jede Meinungsäußerung auch gleich eine Rezension. Das meiste, was z.B. bei Amazon an Leserwertungen veröffentlicht wird, würde ich nicht als Rezension bezeichnen. Auch kurze Äußerungen bei Facebook & Konsorten nicht. Als Autor hoffe ich grundsätzlich, dass Leser solche Meinungsäußerungen einordnen und differenzieren können und dies auch tun.

    Da ich selbst auch blogge und gelegentlich meine Meinung zu Büchern und Filmen kundtue, wobei sicher nicht jeder Blogbeitrag als vollwertige Rezension gelten kann, hab ich ein paar Grundsätze: Ich schreibe nur über das, was mir grundsätzlich gefallen hat und was ich folglich auch komplett gelesen oder gesehen habe. Verrisse mag ich schon deshalb nicht schreiben, weil ich etwas, das ich verreißen könnte oder wollte, im Regelfall nicht bis zum bitteren Ende durchgehalten habe. Außerdem ist mir meine Zeit dafür zu schade. So sind meine Beiträge eher persönlich eingefärbte, durchaus auch mal mit Einschränkungen versehene, Empfehlungen. Ich hoffe, dass sie auch so verstanden werden.

    Gefällt 1 Person

    • annekuhlmeyer schreibt:

      Eine Reaktion auf ein Werk ist selbstverständlich immer subjektiv, wie auch sonst? Und durch eine Vielzahl von Stimmen ergibt sich ein distanzierterer Blick darauf. Deswegen ist es ja auch spannend, wenn es einen Diskurs zwischen den Autoren gibt/gäbe. Danke für Deinen Kommentar, Christian.

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  6. Walter Brandt schreibt:

    Hallo ! Ja doch, differenzierter Umgang mit Realität ( – en ) aller Art ; mit seelisch – geistiger Realität in Autor/ – in u. in Leser – Mensch selbst, mit all den materiellen u. technisch – funktionalen Quer – bis Gegenläufigkeiten gesellschaftlich – kultureller „Außen – Realität“ möglichst reflektiert umzugehen : `n Stück pädagogisch – didaktischer Grundkurs ist Dir gelungen, den hast Du uns hier serviert, Raus zu kommen aus diesen gänzlich bescheuerten like it – Mechanismen, wo schnell mal was gemocht wird oder eben nicht (und dann möglichst persönlich geschmäht, verleumdet, verurteilt wird), dabei kann dieser aufklärerische Appell wohl durchaus helfen ; jedenfalls das Feld nicht völlig zu überlassen der großen Masse derer, die ziemlich grob in Seele / Hirn den eigenen meist recht süßlichen Quark absolut setzen ; und die massiver giftigen Anteile solcher ungenießbarer Speise dem Publikum dann auch noch aufnötigen.

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  7. Walter Brandt schreibt:

    Analyse der Verläufe gut / böse, wie sie Krimi – Autor / – in schildert, gestaltet ; Sektions – u. Seziersäle dessen, was sich auf spezielleren oder allgemeineren Schienen der Opfer – / Täter – Verquirlungen ( oder auch umgekehrt ) tut ; damit in sowas wie einen Diskurs eizusteigen hinsichtlich persönlicher u. gesellschaftlich – kultureller Krisen u. Prozesse, dazu leistet die Schärfung des kritischen Verstandes ( incl. feinerer Abstimmung der emotionalen Bezüge), wie dies Rezensent erarbeiten sollte, einen erheblichen Beitrag.

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  8. Walter Brandt schreibt:

    „….das Böse an sich. Schreiben sie doch selbst eine Rezension !“ Ja, genau das werd`ich tun, „night train“ mir mal differenziert inhaltlich vorknöpfen ; Ausgangs – These dabei, dass es sich offenbar um etwas handeln muß, daß irgendwo wohl sich bewegt zwischen den beiden gleichermaßen absurden Polen des „Böse (n) an sich“ und der nietzeanisch provokativen Formulierung eines „Jenseits von Gut u. Böse“. Bin ziemlich gespannt auf die Lektüre, „Denkarbei“, „ersthaft tun“ u.a. Bezugnahmen auf Deinen obigen Text machen die ganze Sache recht spannend ; danke für Dein Engagement hinsichtlich Literatur !

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  9. Pingback: [Sonntagsleserei]: Mai 2015 | Lesen macht glücklich

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