„Schland o Schland“ – endlich sind wir wieder da! – „Endspiel“, Pete Smith, Rezension

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Pete Smith, Endspiel, Roman, Societäts -Verlag, Frankfurt a. Main 2015, S. 368, 12,80 Euro

Meine Rezension auch auf CULTurMAG

Gerade erst, am 11. April, wurde anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald mit einem Festakt in Weimar, der Stadt von Goethe und Schiller, der Opfer gedacht. In seinem Roman „Endspiel“ thematisiert Pete Smith die Notwendigkeit des Erinnerns.

Der Sommer 2010 brütet über Frankfurt am Main. Die Nationalelf spielt in Südafrika dem WM-Titel entgegen und der Geschichtsstudent Lionel drückt sich um den Abschluss seiner Dissertation herum. Sinn ist fraglich und das Geld ist knapp. Wozu Jahreszahlen und Daten dokumentieren? Wozu neu betrachten, was längst vorbei ist? Wozu „Die Bedeutung des Eigentums in der neuzeitlichen Entwicklung des Bürgertums“, so der Titel von Lionels Arbeit, klären? Ein Freund vermittelt ihm einen Job in einem Nobelaltersheim, der zwar keine Antworten auf Sinnfragen verspricht, aber sein Einkommen sichert. Die betuchten Alten sollen ins Netz und Lionel hilft ihnen mit der Technik. Elena Morgenstern ist eine von ihnen. Eine Dame, 79jährig, die heimlich ihre Zigarette auf dem Balkon raucht. Sie erwählt Lionel, der doch das große Ganze zu beurteilen hat, zu ihrem Biographen. Einen ganzen Koffer mit ihren Tagebüchern und Briefen trägt er in seine Bleibe, in der plötzlich Uli ein- und ausgeht. Die Freundin will keine Unverbindlichkeit mehr, sie will ein gemeinsames Leben, während Elena mit Seraphin lebt, intensiver womöglich seit er tot ist. Doch wie soll Lionel, der Historiker, die Geschichte einer Einzelnen erzählen?

Allmählich liest er sich hinein in die Flucht aus Ostpreußen, hindurch durch Elenas Jugend, die Lager in Dänemark, durch die Grauen des Krieges, bis ins Frankfurt der 1960er Jahre. Elena beobachtet als Zuschauerin den Auschwitz-Prozess. Sie folgt Seraphins Spuren, sucht, will die Lücken des Nichtgesagten füllen. Warum konnten sie keine Kinder haben? Warum brachte Seraphin sich um? Wie hat Auschwitz geschehen können? Elenas Mann war dort, überlebte, wo keiner überlebte. Was hat er getan? Welche Schuld trägt sie? Leere und Schweigen. Die Angeklagten im Prozess leugnen, lügen, bagatellisieren. Den industrialisierten Mord an Hunderttausenden, Hunger, Folter, Demütigung, habe es nicht gegeben, nicht so. Manches vielleicht, ausgeführt auf Befehl. Bis ins Jetzt stellt sich die Frage: Wie können Menschen derart Unsägliches, Unbegreifliches tun?

Lionel liest und ordnet wie ein Historiker das eben macht, bleibt selbst ohne Antwort, wie jeder, der das Grauen nur aus seiner eigenen Lebenswirklichkeit betrachtet.

Pete Smith findet hinein in die Motive, Haltungen, Zwänge der Menschen, erzählt die Geschichte aus ihnen heraus, nicht ohne Position zu beziehen. Im Hintergrund schwingt die Frage mit, die sich gewiss viele gestellt haben: Wie hätte ich gehandelt? Um sie gleich wieder wegen Unvorstellbarkeit zu verwerfen. Doch es geht nicht allein um Umstände und Schuld. Es geht um die Erzählbarkeit von Geschichte, der sozialen wie der individuellen. Wir sind nicht, wenn wir kein Narrativ dazu haben, gleichgültig welcher Art es ist. Nicht die „Wahrheit“ macht uns aus, sondern die Geschichte, die wir von ihr haben. Im Individuellen kann man beobachten, wenn posttraumatische Amnesien (die nach Traumata in frühen Kinderjahren auftreten können) mit Erinnerungen gefüllt werden, die Belastung abnimmt. Vielleicht lebt es sich mit dem Wissen nicht leichter, aber akzeptabler.

Und deswegen durfte Oświęcim kein leerer Fleck auf der Landkarte des sozialen Gedächtnisses bleiben. Deswegen musste Elena ihre Geschichte neu erzählen. Lassen.

Pete Smith, Vertreter der „zweiten Generation“, findet dafür eine leise, zart bebilderte Sprache. Der Roman ist wie ein schwarzgrundiertes Aquarell, ausgefranst an den Rändern und von Zweifeln getragen. Der Autor erhielt für seinen Roman 2012 den Robert-Gernhardt-Preis des Hessischen Ministeriums für Kunst und Wissenschaft.

Jedenfalls – Uli wird schwanger, das Leben geht weiter.

Ein „Schlussstrich“, endlich, wurde während des Auschwitz-Prozesses gefordert. Die historisch nachweisbaren Daten sprechen dagegen. Zitat: „Insgesamt haben deutsche Strafverfolgungsbehörden geben 30.000 mutmaßliche Täter ermittelt. Bis Januar 1964 kam es in 12.882 Fällen zur Anklage. 5.445 Angeklagte wurden verurteilt, 4,033 freigesprochen und 3.404 Fälle aufgrund von Verjährung, Abwesenheit oder Tod ad acta gelegt.172 Mal erkannten die Richter auf Mord, 248 Mal auf Totschlag, 76 Mal lautete das Urteil lebenslängliches Zuchthaus. Unter den 30.000 Angeklagten findet sich kein Staatsanwalt oder Richter.“ Die ehemaligen Aufsichtsräte der IG-Farben durften im Ausschwitz-Prozess weiter behaupten, es habe keinen Mord, keine Folter, keinen Hunger gegeben. Im Januar 1952 benannte sich die IG-Farben in I.G. Farbenindustrie AG i.L. um. Die Forderungen von Zwangsarbeitern wurden an die nicht mehr existierende Firma verwiesen. 2003 meldete das Unternehmen Insolvenz an. Bis 2012 blieben die Aktien börsennotiert.

Zwar werden „wir“ in Südafrika 2010 „nur“ Dritter, aber 2014 klappt’s mit dem Titel. Schland o Schland, wir sind wieder da! Und „wir“ haben inzwischen mehr und mehr Verfechter des „Schlussstrichs“ – AfD, NPD, PEGIDA und Stammtische schon lange.

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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