„Schwarzblende“ Zoë Beck – eine Rezension

Schwarzblende von Zoe BeckZoë Beck, Schwarzblende, Roman, Heyne Verlag München, 2015, S. 416, 9,99 Euro

Das Unmögliche ist unmöglich!

Niemand rennt mit Macheten durchs moderne London, um sie als Waffen einzusetzen. Sie müssen zu einem Spiel unterwegs sein, die Macheten als Staffage. So erklärt Kameramann Niall Stuart sich das Verhalten der beiden jungen Männer, denen er neugierig und mit vagem Unbehagen folgt. Als das Unmögliche geschieht, ist er schreckensstarr wie die Parkbesucher, die der bestialischen Hinrichtung eines Menschen beiwohnen. Niall tut, was er zu tun gewohnt ist. Er filmt.

Beim Lesen zerrt der Fluchtreflex an einem und dominiert den Voyeurismus. Aber machen wir in Extremsituationen nicht alle, was uns vertraut ist, um Normalität herzustellen, gleichgültig wie absurd das Handeln scheint?

Niall filmt, distanziert die grausame Wirklichkeit per Handykamera, fixiert das Unmögliche in Pixeln. Schließlich ist erst wahr, wovon man ein Bild hat.

Die Männer posieren als Kämpfer des „Islamischen Staates“. Kurz darauf schießt die Polizei einen von ihnen nieder. Niall wird als Mittäter in ein Hochsicherheitsgefängnis gebracht und erlebt, wie sich völlige Entrechtung unter der Legitimation der Terrorbekämpfung anfühlt. Keine schöne, aber eine nützliche Erfahrung für das Projekt, das ihm angetragen wird – er soll einen Dokumentarfilm über das Ereignis und seine Hintergründe drehen.

Die Gräueltaten islamistischer Terrormilizen sind medial hochpräsent. Ihre Bilder befeuern die ideologischen Argumentationen von Anhängern und Gegnern verschiedenster Couleur. Ängste werden geschürt, Fronten gebildet. Verbal. Nur haben wir hier im sicheren Westen eigentlich nichts mit dem fernen Grauen zu tun, es sei denn …

Zoë Becks Roman nimmt den Mord an dem Soldaten Lee Rigby durch zwei islamistische Attentäter im Mai 2013 in London zum Anlass, die Bedingungen unter denen Radikalisierung entsteht, zu beschreiben. Cemal und Farook, der eine mit türkischen, der andere mit palästinensischen Wurzeln, die zweite bzw. dritte Einwanderergeneration, ähneln sich in ihrer Gestalt – dunkle Haut, schwarzes Haar, Bart. Und sie ähneln sich in ihrer Wut und Frustration. Junge zornige Männer, die einen Weg suchen, eine Perspektive, die die Gesellschaft ihnen heuchlerisch verwehrt. Sie finden ihn. Bei Gott. Keinem liebenden Gott, sondern einem exzentrischen mit unantastbaren Regeln, der sie zu jenen treibt, denen es um Geld, Land und Macht geht.

Niall ahnt nicht, als er den Filmauftrag zögernd annimmt, denn sein Vater ist ein berühmter Kriegsfotograf, als Vater nicht verfügbar gewesen, die Beziehung konflikthaft, er ahnt also nicht, auf welche Weise sein Leben in die Hintergründe des Attentats verwickelt ist. Was hat das alles mit Onkel Carl und seiner Ex, Tante Karen (!) der Innenministerin zu tun? Aus unerwarteten Wendungen bezieht der Roman seinen Drive. Niall macht die Bilder zur Wahrheit, damit die Welt sie wahrnehme. Aber was genau will er erzählen? Vom Grauen als Mahnung? Vom Krieg der Kulturen? Zoë Beck macht deutlich, dass es den nicht gibt, sondern dass es um Ressourcen und Macht geht (wie immer), und dass unsere heile Welt sehr wohl mit ihrer Verteilung zu tun hat. Die Ausgrenzung von Individuen oder ganzen Gruppen aus einem sozialen System ist eine Form von Gewalt mit allen Folgen. Gewalt zieht bekanntlich Gewalt nach sich.

Die Filmcrew kämpft mit ihren Bildern. Zum einen im Sinne des Auftrags, zum anderen mit den Schattenrissen, die sie in ihrem Inneren hinterlassen. Beth, die Producerin, hat sich einen Panzer zugelegt, bis sie sich selbst zur Gewaltanwendung entschließen muss. Plötzlich brennt eine Synagoge.

Zoë Beck verwebt gekonnt Realität mit der Bildergeschichte von ihr, die durchs Netz geschickt wird, mehr oder weniger absichtsvoll und folgenreich.

Kühl aber nicht empathiefrei und schon gar nicht positionsfrei erzählt sie die facettenreiche Geschichte. Komisches lebt nur und passender Weise im Schmerzlichen. Die Komplexität der Figuren verschafft ihnen plausible Motive, ihre Dialoge sind Gespräche – schnell, ironisch, auf den Punkt. Ohne zu viel zu verraten: Nialls Geschichte kann zwar nicht ganz gut gehen. Aber es ist der finsterste, spannendste, vielschichtigste und beste Roman, den Zoë Beck bisher geschrieben hat.

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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2 Antworten zu „Schwarzblende“ Zoë Beck – eine Rezension

  1. Zeilenkino schreibt:

    Ich bin ganz hingerissen von der Formulierung „Komisches lebt nur und in passender Weise im Schmerzlichen“. Das bringt es perfekt auf den Punkt.

    Gefällt 1 Person

  2. annekuhlmeyer schreibt:

    Danke, freut mich. 🙂

    Gefällt mir

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