„Kanakenblues“ von David Gray – eine Rezension

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David Gray, Kanakenblues, Kriminalroman, Pendragon Bielefeld, 2015, S.376, 12,99 Euro

Ob das gut geht?

September 1999: Boyle, der farbige Kriminalbeamte mit den blauen Augen, und sein Jugendfreund Teddy – Boss der „Koscha Nostra“, wie seine Russentruppe scherzhaft genannte wird, Bordellbesitzer und Jude, tauschen Drogen aus der Asservatenkammer gegen Geld und Informationen mit einem der Großen der Hamburger Unterwelt. Boyle hat einen guten Grund, sich an zwei Kollegen zu rächen, die er mittels der erkauften Informationen vom Polizeidienst in den Strafvollzug vermittelt.

Genau ein Jahr später erlebt Boyle eine Nacht, die das fragile Gleichgewicht seines Lebens ins Wanken bringt. Zwei junge Männer, Teenies noch, werden hingerichtet, einer von beiden ist der Sohn des Polizeipräsidenten Stiller. Boyle wird fix befördert, doch Stiller beauftragt ihn nicht nur mit der Suche nach dem Mörder – er will den Mann tot sehen und erpresst Boyle mit dem Wissen (oder Halbwissen?) um den Deal, den Boyle ein Jahr zuvor abgezogen hat. Die Toten sind nicht die letzten in dieser Nacht. 24 Stunden lang ermittelt Boyle mit und gegen seine Kollegen, mit und ohne rechtstaatliche Mittel, in eigenem Interesse, denn er ist verstrickt einem Netz aus Machtmissbrauch, Konkurrenz und Korruption.

Ob das denn nun gut geht?

Eine Geschichte, die in Hamburg über 24 Stunden hinweg entwickelt wird, hat mit Frank Göhres „St. Pauli Nacht“ eine berühmte und brillante Vorgängerin. David Grays Roman ist zwar aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, aber nicht so episodisch aufgebaut wie „St. Pauli Nacht“. Im Ton entspricht er eher den hard boiled novels von Hammet oder Chandler, nur ein paar Oktaven höher, greller in der Farbe, drastischer im Kontrast. Das verleiht ihm eine komische Note, die sich in fast klassisch schnoddriggen Dialogen vervielfacht. Wegen der Freude am Ballerigen sind gelegentliche Verzögerungen bei der Entwicklung der Figuren verzeihlich. So werden die Kränkungen, die dem „Kanakenmörder“, der von unterschiedlichen Polizeiteams gejagt wird, als Motiv dienen, erst später in der Handlung plausibel untergebracht. Hin und wieder finden sich ein paar Kontinuitätsfehler: z.B. regnet es, doch plötzlich liegt Boyle nicht im Matsch, sondern im Sonnenuntergang, nachdem er von Kollegen niedergeschlagen worden ist.

Witzig dagegen und ganz der hochgedrehten Lautstärke entsprechend finden sich Betonungen in Großschreibung, wie sie auf sozialen Plattformen verwendet werden („Halif hatte ihn BENUTZT.“ S. 235). Gut funktionieren auch die Cliffhängerchen, die weder aufgesetzt noch manipulativ wirken, wie man es bei „Still“ von Zoran Drvenkar findet.

„Kanakenblues“ ist David Grays erster Roman im Pendragon Verlag. Der Text, den der Autor 2011 zunächst selbst als eBook publizierte, wurde erweitert, überarbeitet und aufbereitet. Insofern ist er ein Beispiel dafür, dass sich Selfpublishing und Verlagsarbeit durchaus ergänzen können. Bedauerlich wäre es gewesen, wenn der Roman unter den vielen selbst publizierten Texten verloren gegangen wäre.

Neben der Integration des „Bösen“ in den Alltag, in die Arbeit der Polizei, in die Gesellschaft, neben der Frage nach der Zulässigkeit von Selbstjustiz, wenn die staatlichen Organe versagen, neben der Auseinandersetzung mit dem Fremdsein, dem Andersein bietet er eben auch ein großes Lesevergnügen.

(Dieser Beitrag findet sich auch auf CULTurMAG)

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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