Lesepröbchen: „Es gibt keine Toten“

1.

»Ich habe keine Lust auszusteigen«, sagte Gregor Richter und schaute hinaus in den Schnee, der weich auf die Frontscheibe fiel. Das Haus in der Billerbecker Straße glitzerte und funkelte von Lichterketten, Sternchen, Glöckchen und Kugeln. Der Eingang war fast völlig von einem Rentierschlitten versperrt, hinter den Fenstern heimeliges Licht von Schwibbögen und Pyramiden. Ein Weihnachtsmann hing an einem Sims im ersten Stock, ein anderer Mann hing im Keller.

»Ich auch nicht.« Marlene Katz klickte den Gurt auf und zog die Kapuze über ihre Mähne. »Komm schon. Sie machen es immer an Weihnachten.«

Ein Streifenwagen mischte sein Blaulicht in das der überbordenden Weihnachtsdekoration, bis sich jemand erbarmte und es ausschaltete. Hinter ihnen hielt ein Opel und entließ drei Kinder und deren Eltern in den Schnee. Bevor einer der Beamten einen vielleicht Achtjährigen aufhalten konnte, stürmte der den Rentierschlitten und löste Stille Nacht, heilige Nacht aus, die ein sich drehender Engel verkündete. Die Blitzlichter von Handykameras zuckten. Schließlich konnten die Weihnachtsdekobesichtiger zurück in ihr Auto gedrängt werden.

Kurz vor Feierabend war der Anruf eingegangen. Kühl und gefasst hatte eine weibliche Stimme mitgeteilt, dass sich Christian Hartfield das Leben genommen habe.

Sie gehörte dem Mädchen, das nun, die Arme um den Leib geschlungen, neben dem Toten fror, als Marlene und Gregor im Keller ankamen.

»Es stimmt nicht. Er hat sich nicht umgebracht«, sagte es. Neonlicht schlug tiefe Schatten in das junge Gesicht, kratzte daran herum, mehr konnte es ihm nicht anhaben. Sie stand da wie ein Soldat zur Totenwache, mit Stiefeln, die übers Knie reichten und dem Mantel im Military-Look, der an napoleonische Krieger erinnerte.

Im Keller gab es nicht viel zu sehen. Leer bis auf Spinnweben und die Leiche.

Der Mann hing nicht, er saß. Oder fast. Unterhalb des Kellerfensters, den Hals mit einem Gürtel am Fenstergriff stranguliert. Aufrecht stehend hätte er beinahe den Kopf einziehen müssen in dem niedrigen Raum. Es würde Mühe machen, diesen massigen Körper die schmale Kellertreppe hinaufzubugsieren. Der Gürtel, der an seiner schwarzen Hose fehlte, schnitt oberhalb des geschlossenen, sehr weißen Hemdkragens in einen muskulösen Hals. Wie der Mann zu Lebzeiten ausgesehen haben mochte, war schwer zu sagen. Die herausquellende Zunge, die erschlafften Lider über trüben Hornhäuten, die blau verfärbte Haut … Schnell war es nicht gegangen, das Sterben.

Selbstmorde folgten ihrer eigenen Logik. Es war nicht der erste Tote, den Gregor in einer so absurden Position fand. Manchmal war es am Ende einfach ein Versehen gewesen.

»Er hat sich nicht umgebracht.« Das Mädchen reckte das Kinn nach vorn.

»Sie haben angerufen?« Marlene musterte ihr Gesicht, schmal und jung und hart.

Sie schwieg.

»Am besten, wir gehen nach oben und unterhalten uns dort, bis …«, Gregor unterbrach sich, »bis alles geordnet ist.«

Der Notarzt hatte ihm im Vorbeieilen den Totenschein in die Hand gedrückt, ein Tut-mir-leid gemurmelt und war im Notarztwagen eine Schneewolke hinterlassend davongebraust. Einer der Rettungssanitäter hatte »Herzinfarkte, Schlaganfälle, Besoffene, Verkehrsunfälle« gestöhnt und »Fröhliche Weihnachten« nachgeschoben.

Als die Kleine sich nicht rührte, fasste Marlene sie am Ellenbogen, aber sie wies die Berührung schroff zurück und blitze Gregor an.

»Geordnet, ja?« Das Geräusch, das folgte, kam einem Lachen nahe.

Drei Uniformierte drängten sich an ihnen vorbei.

 

»Kommen Sie.« Marlene legte alle Sanftheit in ihre Stimme, über die sie momentan verfügte. Dafür erhielt sie einen irritierten Blick mit zusammengezogenen Brauen, aber das Mädchen folgte ihr.

Das Erdgeschoss war beinahe so leer wie der Keller mit fast so vielen Spinnweben. Der Küchenbereich bestand aus einer Spüle, einer Pressspanplatte auf Sägeböcken, einer Mikrowelle und einem Campingherd. In dem Teil des Raumes, in dem andere Leute ihr Wohn- oder Esszimmer hatten, hockte ein Flachbildschirm von gigantischem Ausmaß einer ehemals weißen Ledercouch gegenüber. Darüber hing ein Foto, das vier Männer vor einem Militärfahrzeug an irgendeinem einsamen, steinigen Ort dieser Welt zeigte. Die Lichterketten am Fenster beleuchteten den Staub. Keiner setzte sich.

»Sie haben ihn gefunden«, begann Gregor. »Vielleicht sagen Sie uns, wer Sie sind und in welchem Verhältnis Sie zu dem Toten stehen? Und auch, wann Sie ihn gefunden haben.«

»Lara.« Lara verschränkte die Arme vor der Brust und fixierte den Boden.

»Also …« Gregor warf Marlene einen Blick zu. »Lara. Wann war das?«

Draußen fuhr der Leichenwagen vor. Schritte auf der Kellertreppe, Stimmen, ein Lachen, das sofort erstarb.

»Lara?« Gregor streckte eine Hand aus, berührte das Mädchen aber nicht.

»Er hat sich nicht umgebracht.« Sie riss den Kopf hoch und funkelte Marlene an. »Er hat gekocht. Für mich.«

Marlene verschränkte ebenfalls die Arme vor der Brust. »Lara. Und weiter?«

»Das geht Sie einen Scheißdreck an.« Ihr Gesicht war plötzlich nass. »Sie haben ihn aufgehängt.« Unvermittelt stürzte sie zur Terrassentür, Marlene ihr nach, packte sie am Arm.

»Ihren Personalausweis, Lara«, sagte Marlene.

Das Mädchen riss sich los, rannte in den Garten. Marlene sah ihren Schatten im Widerschein der Beleuchtung auf dem Schnee davonhuschen. Gregor war rasch an Marlenes Seite. Das Mädchen war weg. Eine Weile verfolgten sie ihre Spuren, bis sie sich mit anderen mischten und auf der Straße verloren.

»Scheiße.«

»Kannste laut sagen.« Gregor wandte sich um, flitzte zurück zur Vorderseite des Hauses, informierte den Kollegen im Streifenwagen und kam zurück. »Los, sehen wir uns den Rest an.«

Vielmehr gab es allerdings nicht zu sehen. Eine Matratze und einen übervollen Aschenbecher in einem der oberen Räume, die anderen – leer. Hartfield hatte seine Kleidung und eine Handvoll Bücher in Kartons verstaut. Und … eine Walther P12.

»Ach.« Marlene blickte auf den Fund.

»Was hättest du getan?«, fragte Gregor.

Sie zuckte mit den Schultern. »Erschossene sehen auch nicht schön aus.«

»Die Kleine wird schon wieder auftauchen«, sagte er.

Marlene zog ihr Handy aus der Jacke . »Man muss es in Erwägung ziehen.« Sie rief die Spurensicherung an.

 

 

2.

Gregors Wohnung war beruhigend weihnachtsschmuckfrei, und Marlene kannte sich fast so gut darin aus wie in ihrer eigenen. Im Regen des letzten Spätsommers hatten sie auf seinem Balkon gesessen und aus demselben Glas getrunken. Irgendwann hatten sie angefangen, mehr zu teilen als das Zimmer in der Dienststelle. Das war nicht einfach gewesen. Besonders deshalb nicht, weil sie nicht wollte, dass jeder davon erfuhr. Eine logistische Herausforderung in einem Ort wie Coesfeld. Sie hatte es sich gemütlich vorgestellt, nach Recklinghausen wieder im Münsterländischen zu arbeiten. Gemütlichkeit hatte auch Schattenseiten.

 

Marlene streckte sich und zog die Decke über ihren Körper.

Sie hatte Pizza in die Mikrowelle geschoben und Bier mit ins Schlafzimmer genommen. Gregor klapperte in der Küche. Es hatte besinnlichere Weihnachtsabende gegeben. Man musste das Beste daraus machen.

Radikale Akzeptanz, hatte Hagemann es genannt. Marlene lächelte, als sie an den alten Mann, der zuletzt zu seinen beiden Freundinnen an die Ostsee gezogen war, dachte. Manchmal hätte sie ihn gern noch etwas gefragt. Seine Meinung gehört. Ihn einfach gesprochen. Als Berater. Als Freund. Mit seinen starken Gläsern und der Lupe hatte er einen scharfen Blick auf die Welt, den sie geschätzt hatte. Er war ihr Nachbar gewesen für eine kleine, wichtige Weile. Anfang Dezember war er gestorben. Gesehen hatte sie ihn nicht mehr, nur seine Beerdigung in heimatlichem Boden hatte sie besucht.

Er war alt gewesen. Und irgendwann stirbt man eben.

Eine Zeitlang hatte sie viel getrunken, sehr viel. Mit Wein war man nicht ganz so allein, wenn die Nächte zu lang wurden. Sie konnte das noch nie, das Alleinsein. Hagemann hatte ihr herausgeholfen aus dem Strudel von Angst, Alkohol und Scham. Immer noch kamen Albträume, gelegentlich, oder sie schlief schlecht, aber insgesamt fühlte sie sich okay. Nun war Hagemann tot. Er fehlte ihr.

 

Marlene starrte an die Decke, nagelte den Film – Kränze, Kerzen, Gebete, Tränen, Sonne überm Schnee – daran fest und stand auf.

»Soll ich dir ein Bier mitbringen?«, rief Gregor.

»Du brauchst nicht zu schreien.« Marlene legte ihre Hände auf seinen nackten Hintern. Das Leben hatte durchaus seine schönen Seiten. Nur die Kühlschrankbeleuchtung erhellte die Küche.

»Geil.«

»War das eine Frage?« Sie ließ die Fingerspitzen über seine Hüfte wandern.

»Guck doch mal.«

»Keine Zeit.« Sie schloss die Kühlschranktür und ließ das Tiramisu von Gregors Exfrau dahinter verschwinden.

»Später«, gab Marlene nach, als er sich leicht schmollend zu ihr umdrehte und sie ihn hart an ihrem Schenkel spürte.

»Einfach zu überzeugen, der Mann«, murmelte sie, während sein Mund etwas an ihrem Hals tat, das ihr die Knie weich werden ließ. Dann hob er den Kopf und hielt sie ein wenig von sich.

»Wir müssen reden, Marlene.«

»Das ist einer der Sätze, die gerade nicht gehen.« Unbeirrt setzten ihre Hände den Weg über seine Haut fort.

Er nuschelte etwas von Andreas Niehues und der Scheißversetzung, die immer noch ausstehe, in die Grube über ihrem Schlüsselbein. Der Dienststellenleiter hatte ihnen gesagt, sie beide könnten miteinander verhandeln, wer nach Gelsenkirchen ginge, Steffen Overbeck mit seinen Computerspezialkenntnissen bliebe in Coesfeld, definitiv. Sonst stehe keiner zur Verfügung, behauptete Niehues. In den letzten Jahren waren Dienststellen zusammengelegt und Personal abgebaut worden. Gregor und Marlene sollten sich einigen. Niehues war ein feiger Sack.

»Gelsenkirchen-Süd hört sich nur so schrecklich an«, quetschte Gregor zwischen zwei Küsse.

»Finde ich auch«, flüsterte sie zurück. »Du gehst! So schlecht ist es da gar nicht.« Sie hatte keine Lust, darüber zu streiten, was wirklich in der Dienststelle los war, während sein Finger in ihre Möse drang.

Geschrei, Blut, Gewalt, Dreck, Dummheit, das Übliche. Nur mehr davon, viel mehr. So viel mehr, dass die Kollegen Glück hatten, wenn sie zwischendurch aufs Klo konnten. Hunger und Durst mussten bis nach Feierabend warten. Überstunden, Missstimmung, hoher Krankenstand.

»Nö.« Gregors Gesicht glänzte jungenhaft, er nahm sie blitzschnell auf den Arm und trug sie zurück ins Schlafzimmer. Bevor sie widersprechen konnte, presste er ihr die Hand auf den Mund und drückte sie mit seinem Gewicht aufs Bett. Ein Zornflämmchen flackerte in ihrer Brust auf. Kurz. Bis sie seinen Schwanz in sich fühlte. Eine Weile liebten sie sich freundlich, ohne einander aus den Augen zu lassen.

»Ich kann nicht weg«, sagte er.

Marlene kicherte, die Beine um seinen Körper geschlungen. Nein, sie wollte nicht an Gregors Tochter denken und ganz sicher nicht an seine Exfrau! Nicht, während seine Lippen an ihrem Nippel saugten.

»Ich auch nicht.« Sie hob ihm ihr Becken entgegen und schloss die Augen.

Bilderblitze. Bunt auf Schwarz. Seine Haut glatt und nass. Sein Atem. Sein Duft. Seine Bewegung. Sie fühlte das vertraute Prickeln im Bauch und wünschte sich über den letzten, kleinen Rand der Klippe.

»Du gehst.« Worte neben ihrem Ohr, die sie aufhielten.

Ein Hauch von Nein in ihrem Kopf, der die Lippen nicht erreichte.

Er schob seine Hand unter ihren Hintern. »Du.«

Dann erfasste eine Unzahl von Explosionen ihren Körper und sie hörte ihr: »Ja.«

 

 

3.

»Nein, verflucht! Ich gehe nicht in den beschissenen Laden.« Marlene riss ihre Jacke vom Haken.

»Du kannst nicht nach Hause fahren. Du hast getrunken.« Gregor lehnte, noch immer nackt, am Küchenschrank. Ganz nah kam sie an ihn heran. Er roch so gut nach sich selbst, dass sie die Feuchte zwischen ihren Schenkeln spürte.

»Ich habe dich abgelöst, wenn du was mit Paula vorhattest, deine Bereitschaften übernommen. Und ich bin gerade mal erst hier angekommen. Recklinghausen war schon Katastrophe, aber nach Gelsenkirchen gehe ich ums Verrecken nicht, während du dir hier die Eier schaukelst.« Ruckartig drehte sie sich um, hielt inne, sah zurück. »Und ich kann so besoffen sein, wie ich will.« Damit griff sie ihren Autoschlüssel und flüchtete in den Flur.

Gregor ihr nach, hielt sie fest. »Pass auf. Ich wollte das wirklich mit dir diskutieren. Aber das scheint ja in deinem Starrkopf nicht anzukommen. Ich kann hier nicht weg, verstehst du? Paula ist gerade acht und Caroline schafft das alles nicht.«

Die arme, hilflose Caroline.

»Scheiß auf deine Ex.« Marlene hastete zurück in die Küche, zerrte den Kühlschrank auf und holte die Schüssel mit dem Nachtisch heraus. »So überfordert, wie du behauptest, ist sie nicht. Was meinst du, wie sie so was nebenbei hinkriegt und alle paar Tage das Zeug auch noch herschafft? Oder hat sie ganz andere Interessen?« Über die Schüssel hinweg blitzte sie Gregor an.

»Komm schon, Marlene.« Gregor senkte die Stimme. »Lass uns aufhören damit. Es ist nicht weit nach Gelsenkirchen. Du änderst doch gar nichts, arbeitest nur woanders.« Er streckte die Hand nach ihr aus, sie wich zurück. »Niehues wird dich sowieso schicken. Du hast dich verändert.«

»Na, da … ist es ja völlig egal, was ich tue.«

»Ja.«

»Dann ein schönes Leben noch!«

»Marlene!«

»Was?« Ihre Stimme war rau, und sie fühlte den Kloß, der die Tränen aufhielt, im Hals.

»Bleib. Heute. Bitte.«

Ein frostiger Blick auf das eiskalte Dessert. »Fick dich.« Dann drückte sie das Tiramisu auf Gregors Brust.

 

 

4.

Der Tag nach den Feiertagen begann seltsam ruhig. Die Schneefälle ließen nach, die Straßen waren selbst in Gelsenkirchen größtenteils geräumt, sodass die Schlaglöcher gut erkennbar waren. Marlene fand einen Parkplatz wenige Straßen von der Dienststelle entfernt.

Niehues hatte nicht bis zum neuen Jahr gewartet. Am ersten Feiertag hatte er angerufen. Sie solle das nicht falsch verstehen und er schätze ihre Arbeit durchaus und sie werde zurück nach Coesfeld kommen, sobald eine neue Stelle eingerichtet sei. Er würde sich dafür einsetzen, so ginge das schließlich nicht. Aber die Zeit zwischen den Jahren müsse sie in Gelsenkirchen aushelfen. Dort brenne es, personalmäßig. Er sei froh, dass sie so viel Verständnis zeige. Fröhliche Feiertage noch …

Du mich auch, hatte Marlene ins Telefon gedacht. Die Zeit zwischen den Jahren – Ha! Er würde sie dort verrotten lassen. Sie wünschte Niehues einen Wasserohrbruch und den Besuch seiner Schwiegermutter und legte auf, bevor der Gedanke in elektronische Impulse umgewandelt werden konnte.

 

Nachdem sie die Vorstellungsrunde absolviert hatte – wechselnde Gesichter, flüchtige Handschläge, Namen, die vorbeirauschten, Schulterklopfen – wies man ihr einen Arbeitsplatz in Handtuchgröße zu, packte einen Stapel Akten auf den Tisch und ließ sie allein, zumindest so allein, wie es in einem Büro mit geschätzten fünfzehn Leuten, die ständig ein- und ausgingen, telefonierten, sich unterhielten, möglich war. Martinshorn im Minutentakt von der Straße. Marlene fragte sich, warum die Streifenwagen das Gedudel schon auf dem Parkplatz anmachen mussten. Die Anwohner waren sicher längst dem Wahnsinn nahe oder ausgewandert.

Die ersten drei Ordner blätterte sie durch. Zwei Einbrüche, einmal häusliche Gewalt. Sie stand auf und trat ans Fenster, an eines, das durch Aktenschränke abgetrennt in einer Nische lag. Auf dem Fensterbrett protzte eine Orchidee mit ihren Blüten. Wer sie wohl umsorgte?

»Nimm dat Landei mit«, hörte sie hinter sich, entdeckte aber nicht den, der es gesagt hatte, nur Schneider, auf dessen Schreibtisch, ihrem gegenüber, dreimal so viele Akten lasteten wie auf Marlenes.

»Kommst du?« Schneider zog seine Jacke vom Stuhl.

»Ich?«

»Wenn’s nicht zu viel Mühe macht?«

»Wohin?« Niemand hatte ihr gesagt, dass sie Einsätze fahren sollte.

»Sag ich dir unterwegs.«

Marlene rührte sich nicht.

»Mann, ich hab noch was anderes zu tun. Hau rein.« Breitbeinig wartete Schneider, ein Mann Ende zwanzig, der in irgendeinem Sportstudio zu wohnen schien, bis sie sich angezogen hatte und ihm folgte.

»Unnatürliche Todesursache, neunundsiebzig Jahre, männlich. Da war wieder so’n übereifriger Vertreterarzt am Werk, und wir haben die Schererei«, sagte Schneider im Wagen und schimpfte: »Arschloch«, als zwischen den Schneewällen am Straßenrand hervor ein Jugendlicher auf die Straße trudelte. Der Wagen schlingerte.

»Könntest du bitte die meisten Fußgänger am Leben lassen? Jedenfalls bis wir da sind.«

»Hier laufen keine rum, die es verdienen.«

Das ging ja gut los. Marlene blickte zur Seite. Sein Profil hatte etwas Weiches, fast Feminines.

In der Wohnung im ersten Stock war es eng, kalt und stank nach Erbrochenem und Tod. Sie drängten sich an Kollegen und Rettungskräften vorbei durch den Flur. Auf dem Tisch im Wohnzimmer stand eine Batterie von Medikamentenpackungen, daneben der Totenschein mit dem arbeitsaufwändigen Kreuzchen.

»Die wollen sich absichern. Immer wollen die sich absichern. Unnatürlicher Tod. Wat’n Schwachsinn!« Er hob zwei Schachteln hoch und las die Aufschriften, stellte sie ab und nahm den Totenschein. Der Arzt war fort.

»Kreuz machen und abhauen, super.« Schneider schrieb die Telefonnummer von dem Stempel unter dem Dokument auf einen Zettel.

»Hier. Such den, wenn wir wieder da sind. Und den Hausarzt auch.«

»Danke, Meister, dass ich euch helfen darf.«

Der Zettel segelte auf den Boden, Marlene hob ihn auf. Die Leiche lag neben dem Sofa, den Rücken halb angelehnt, die Wange in einer Lache Erbrochenem, Arm und Bein unbequem verdreht, so als wäre der Mann heruntergefallen und in dieser würdelosen Position verstorben. Sein Hemd war aufgeknöpft, ein Ärmel hochgeschoben. Darunter kam marmorierte, wachsbleiche Haut zum Vorschein. Wahrscheinlich hatte der Arzt pro forma sein Stethoskop auf die Brust gehalten.

Schneider telefonierte mit der Staatsanwaltschaft wegen der Obduktion. Als er fertig war, sagte er mit einem Blick auf den Toten: »Nicht mal die Mühe einer vernünftigen Leichenschau hat er sich gemacht. Wahrscheinlich steckt das Messer noch im Rücken.« Auf der Suche nach dem Erfolg seines Kalauers blickte er um sich, fand aber keine Resonanz.

»Verschwinden wir, damit du Zeit für das Protokoll hast bis Feierabend.«

»Wie kommst du darauf, dass ich das mache?« Langsam reichte es ihr.

»Weil du die Neue bist, und die Neuen machen das immer.«

 

 

5.

Auf der Wache waren inzwischen alle Zellen mit Betrunkenen, Zugedröhnten und Durchgeknallten besetzt. Eine Frau mit abenteuerlich hohen Absätzen und rosafarbenen Strähnen im Haar schrie in einer für Marlene nicht identifizierbaren Sprache auf einen Mann ein, den zwei Kollegen auf einem Stuhl halten mussten. Er schlief.

Telefon.

Rufe.

Martinshorn von draußen.

Und die Frau hörte nicht auf zu schreien.

Marlene flüchtete an ihren Arbeitsplatz, steckte sich die Stöpsel von ihrem MP3-Player in die Ohren, Summertime, und machte sich ans Protokoll. Ganz unglücklich war sie mit dieser Arbeit nicht, nur an dem Ton ihres Auftraggebers musste dringend etwas getan werden. Schneider war irgendwo auf dem Flur abgebogen, hatte die Hand gehoben, ohne sich umzusehen, und war hinter eine Tür verschwunden. Besser so.

Wenn Marlene ihren Stuhl ein klein wenig verrückte, konnte sie aus dem Fenster auf eine schmuddelige Fassade schauen. Sie arbeitete vor sich hin, bis es dämmerte.

Es schneite wieder – in feinen, von der Straßenbeleuchtung in Szene gesetzten Flocken. Hoffentlich blieben die Autobahnen frei. Kurz vor halb fünf trat eine Art von Stille ein. Alle redeten leise miteinander, die Telefone schellten seltener, die Zellenbewohner schwiegen. Ein Atemholen vor dem Abend und dem Wahnsinn der Nacht. Marlene packte ihre Sachen zusammen, trat in die Fensternische und schaute den Flocken zu. Eine kleine Abgeschiedenheit am Ende des ersten Tages, nur das Summen der Stimmen. Keiner von den Leuten an den sechs Schreibtischen konnte sie sehen. Alleinsein hatte auch etwas für sich.

Der erste Tag einer unendlichen Reihe. Niehues würde keinen Finger rühren und sie hier einfach vergessen. Eine Flocke landete vor ihren Augen am Glas, ein perfekter Stern. Dann schmolz sie.

»Magst du sie?« Schneider. Er flüsterte.

Sie spürte seinen Atem im Nacken, hatte ihn nicht kommen hören.

»Wen?«

»Die Orchidee.«

»Hübsch.«

»Mindestens so hübsch wie du.« Plötzlich fasste seine Hand nach ihrer Brust, grob, fast schmerzhaft.

Ihr Puls schnellte hoch.

»Lass los oder es tut dir leid«, zischte sie.

Ein trockenes Lachen. »Was willst du? Wir brauchen hier keine Mädels. Oder eben nur manchmal. Wir haben schon genug Tussen, die den Schnitt kaputtmachen und nichts auf die Kette kriegen. Andererseits …« Seine Hand massierte ihre Brust.

Alleinsein.

Niemand konnte sie sehen, oder es kümmerte keinen.

In ihrem Hirn ratterte es.

»Sorgen um die Beförderung? Grenzdebile haben’s halt schwer.«

»Wenn ihr Fotzen dauernd bevorzugt werdet …«, presste er durch die Zähne, ließ los und tastete hinab zu ihrem Hosenbund. Sie fuhr herum, verlagerte das Gewicht, drückte gegen seinen Körper, dass er einige Schritte rückwärts hinaus aus der Nische stolperte, und griff ihm in den Schritt. Fest. Sehr fest.

 

»Reiß dich zusammen, Schneider, oder deine Familienplanung ist abgeschlossen«, sagte sie laut und jedes Wort betonend.

Das Murmeln brach ab. Nichts mehr. Die abgestandene Luft im Raum erstarrte. Ein Telefon klingelte und klingelte und klingelte und schwieg. Bröckchen mit dem Geruch nach altem Kaffee brachen aus der Stille. Es meldete sich ein Handy mit einer Melodie. Jemand gluckste und nahm ab.

Marlene stieß Schneider so kräftig von sich, dass er sich am Schreibtisch festhalten musste. Er keuchte, blitzte Wut zu ihr hinüber, so gut es ging. Ihm blieb nichts übrig, als sich auf seinen Stuhl zu hieven. Eilig zerrte Marlene ihre Jacke von der Lehne und nahm im Gehen das ein oder andere Grinsen wahr. Häme, von der sie nicht wusste, wem sie galt.

Sie fand sich auf der Straße wieder. Ihr Auto war weg. Verdammte Hacke! Durch ihren Kopf donnerten Sattelschlepper. Wo hatte sie es abgestellt? Für einen Augenblick lehnte sie sich an die Hauswand. Ob jemand aus dem Fenster schaute? Tröstlich spürte sie den Putz unter den Händen. Tränen sammelten sich.

Wut und Ohnmacht.

Einatmen, ausatmen.

Schneider war das Arschloch. Schneider war das Arschloch. Schneider war das Arschloch.

Okay.

Nein.

Fast.

Sie löste sich von der Wand, einatmen, ausatmen, und entdeckte Die Zelle schräg gegenüber, Gitter mit Weihnachtsbeleuchtung und Tannenzweigen vor den Fenstern. Egal, wie das Ding hieß, wenn sie dort nur ein Bier bekam. Oder einen Kognak. Oder zwei. Die Knie zitterten ihr, als sie die Straße überquerte.

Drinnen war es warm und stickig. Vier Rentner saßen am Stammtisch vor ihren Gläsern. Am Tresen hockte eine junge Frau mit kurzem Rock und Stulpen, neben ihr ein Typ, der seine Boxer-Shorts mit Entenaufdruck über dem Hosenbund sehen ließ. Die beiden hielten Händchen. Marlene kletterte auf einen Hocker und bestellte ein Bier.

»Warm oder kalt?«, fragte die Blonde hinterm Tresen, ohne die Zigarette aus dem Mundwinkel zu nehmen.

»Warmes Bier?« Marlene schüttelte sich.

»Na, bei dem Wetter. Gut für die Nieren.«

Tatsächlich entdeckte Marlene einen Minitauchsieder neben den gespülten Gläsern. »Kalt, bitte.«

»Noch eins, Erika«, kam es vom Stammtisch. Erika, sie musste weit über sechzig sein, trug ihr Haar zu einem Knoten aufgesteckt. Lose Strähnen umflatterten ihren dürren Hals. Sie zapfte zwei frische Pils, in eines davon kam der Tauchsieder. Eigentlich sollte Marlene etwas essen. Das hatte sie den ganzen Tag noch nicht getan.

»Haben Sie eine Karte?«, fragte sie.

»Frikadelle, Mettendchen oder Erdnüsse. Küche is heute nich. Der Koch hat frei.«

»Danke.« Marlene verschob das Essen, trank ihr Bier aus und orderte ein neues. Ein Luftzug wehte Schneeflocken und einen Mann von einem anderen Planeten herein. Er klopfte den Schnee von seinem Mantel, hängte ihn auf und steckte den Schal in den Ärmel, darunter trug er einen grauen Anzug. Während er sich, einen Hocker freilassend, neben Marlene setzte, wischte er über den Tresen, bevor er seinen Arm darauf ablegte. Freundlich nickte er Marlene zu und bestellte einen Kaffee. Gut sah er aus mit dem dunkelblonden Schopf und dem hellen Blick, glattrasiert, sauber irgendwie.

Nur falsch.

An diesem Ort und an diesem Tag.

 

 

Daniel entdeckte sie sofort, als er den Schlauch von Kneipe, die ihrem Namen alle Ehre machte, betrat. Die Jacke hatte sie eng um den Körper gezogen, die Beine in Röhrenjeans übereinandergeschlagen. Im Gegensatz zu den anderen Gästen sah sie nicht zum ihm herüber. Ein klares Profil unter wildem Haar.

Hübsch irgendwie, auf eine raue Weise.

Nur falsch.

An diesem Ort und an diesem Tag.

Auf Umwegen war er hier gelandet. Ein paar Tage hatte er in Amsterdam verbracht. Weihnachtstage, wenngleich er das Fest nicht feierte, eigneten sich prima für Besuche. Auf diesen hätte er vielleicht verzichten sollen. Aber gut, die Dinge waren eben so. Ohnehin wäre es früher oder später … Darüber mochte er nicht mehr nachdenken. Einen schönen Tag hatten sie miteinander verlebt und eine letzte Nacht, die wollte er in Erinnerung behalten.

Auf dem Rückweg war Stau gewesen, Umleitung und wieder Stau. Der Schnee bildete eine weiße Wand, an der das Licht der Scheinwerfer abprallte. Sein Navigationsgerät hatte ihn über Nebenstraßen führen wollen, doch die mied er besser. Als vor ihm erneut die Warnblinkanlagen aufleuchteten, schlug er aufs Lenkrad und nahm die Abfahrt. Das Navi zeigte: keine Satelliten.

Nun war er hier, wo genau auch immer hier war, brauchte einen Kaffee und einen Plan. Der Weg zurück nach Leipzig würde noch Stunden dauern, selbst bei trockenen Straßen. Die Verkehrsnachrichten hatten landesweit kilometerlange Staus gemeldet. Vielleicht sollte er sich ein Hotel suchen und morgen abwarten. Nur morgen hatte er Termine, zwei davon konnte er nicht verschieben, nicht wegen so etwas Lächerlichem wie dem Wetter.

Der Kaffee war heiß und überraschend aromatisch. Er entspannte sich etwas.

»Sehr gut«, sagte er und hob die Tasse.

»Noch einen? Einen Kognak dabei?« Die Luftgetrocknete hinter dem Tresen lächelte.

»Gerne. Nur den Kaffee.« Daniel betrachtete die Frau neben sich, die in den Schaum ihres Bieres blickte.

»Kalt heute«, begann er.

»Jo.« Sie sah nicht auf.

»Und glatt.«

»Stimmt.«

»Und dieser Schnee.«

»Was ich sage.«

»Letztlich kann man zufrieden sein, dass man überhaupt ein Wetter bekommt.«

»Sonst würde Ihnen jetzt echt nichts einfallen, oder?« Mit einer unbestimmten Farbe blickte sie ihm in die Augen.

»Nein, heute nicht. Mögen Sie sich unterhalten?«

»Nein, heute nicht.« Sie wandte sich ihm zu und hob ihr Glas, er seine Kaffeetasse.

»Schön, dann reden wir über was anderes.«

Sie lachte widerwillig.

»Sie wohnen hier in der Nähe?« Einen Versuch hatte er noch.

»Mehr in der Nähe. Sie offenbar nicht.«

»In Leipzig.«

»Das wäre jetzt weniger in der Nähe.«

»Ja. Leider.« Mit geneigtem Kopf sah er sie eine Weile an. Dann entschloss er sich. »Ich brauche ein Hotel. Können Sie mir eins empfehlen.«

Sie lachte auf. »Hier in Gelsenkirchen? Nee. Wirklich nicht. In Coesfeld könnte ich. Eins empfehlen. Obwohl ich da eher nicht im Hotel wohne.«

»Dort leben Sie?«

»Genau.« Sie nahm einen tiefen Zug aus ihrem Glas, wischte sich den Schaum von der Oberlippe und bestellte neu.

»Schöne Gegend.« Jedenfalls nahm er das an. Er hätte sein Navi fragen müssen, wo sich der Ort befand.

»Sehr viel Gegend.«

»Und was tun Sie hier?«

»Arbeiten.«

»Als was?«

Wieder dieser Blick.

Bevor sie antwortete, befreite sie ihn davon. »Ich bin Polizistin.«

»Ah.«

»Ja.«

»Verwandtschaft.«

»Im Hinblick auf die Schöpfungsgeschichte?«

»Wenn man so weit zurückgehen will … Ich meinte eher im Hinblick auf die Arbeit.«

Die Tür ging auf, Eiseskälte strömte herein und schob ein mittelalterliches Pärchen im Nashornformat vor sich her. Sie begrüßten die Stammgäste und ließen sich an einen Tisch am Fenster nieder.

»Ach, ja? Was tun Sie denn?« Eine Falte bildete sich zwischen ihren Brauen, eine ganz winzige.

»Security.«

»Ah.

»Ja.« Daniel kannte die Vorurteile, die Polizisten gegen seine Branche hegten, und ihm war klar, dass sie nicht völlig zu Unrecht bestanden. »Hauptsächlich Objektschutz«, fügte er an. Zu seiner Überraschung wollte er einen guten Eindruck bei ihr hinterlassen. Und den Personenschützern wurde noch einiges mehr nachgesagt, Beziehungen zum Rotlichtmilieu, Geldwäsche, Unterstützung von Menschenhandel und Waffenschmuggel und was nicht alles. In jeder Branche mochte es schwarze Schafe geben. Er und seCURity gehörten nicht dazu. Ein wenig Ausgleich in die ungerechte Welt zu bringen, war ein Grund gewesen, die Firma aufzubauen, damals, als er aus Israel zurückgekommen war. Das war eine Weile her, und die Welt hatte sich weitergedreht.

Nur die Wüste war ewig.

Und der Krieg, der keiner war, mehr ein Lebensgefühl, mehr Normalität, nicht nur unter den Soldaten, sondern auch im Bus, im Supermarkt und im Kibbuz. Anfangs hatte er bleiben wollen und war ganz selbstverständlich in die Armee eingetreten. Ihm hatten der Wald und der Regen und der Frieden mehr gefehlt, als er sich lange eingestanden hatte.

»Bei uns läuft alles regelgerecht«, sagte er zu ihrer hochgezogenen Braue und ärgerte sich für seine ungefragte Rechtfertigung.

»Warum glauben Sie, dass mich das interessiert?«

»Was interessiert Sie denn?«

Sie schwieg, trank, wartete. »Tut mir leid. Ich bin nicht sehr unterhaltsam. War ein Scheißtag heute. Eigentlich will ich nur nach Hause in die Wanne.« Damit rutschte sie vom Hocker, legte einen Schein auf den Tresen. »Vielleicht hätten wir uns an einem anderen Tag begegnen sollen. Irgendwann im Mai. In München oder Berlin«, und zog den Reißverschluss ihrer Jacke hoch. Er wollte nicht, dass sie ging und ihre unbestimmte Augenfarbe für immer mitnahm. Ein Splitterchen von einem Gedicht fiel ihm ein: Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick. Die Braue, Pupillen, die Lider … vorbei, verweht, nie wieder. Noch während er nachsann, woher er es kannte, legte er ihr die Hand auf den Arm.

»Sagen Sie mir Ihren Namen?«

Sie erstarrte, ballte die Faust, fing sich, als er beschwichtigend die Handfläche zeigte und sie anlächelte.

»Wenn Sie mir Ihren sagen.«

Daniel zog seine Visitenkarte aus der Innentasche des Jacketts.

Sie las, nickte. »Marlene Katz.«

Ein fester Händedruck, eisige Finger. Und dieser Blick. Sie gefiel ihm. Sie war eine Überraschung. Dann war sie fort.

»Ich bringe Sie zu Ihrem Wagen.« Eilig bezahlte er und holte sie auf der Straße ein. Rasch schritt sie aus.

»Das ist nett, besonders, wenn Sie den Weg kennen.« Der Wind hinterließ Schneekristalle in ihrem Haar, sie zog die Kapuze darüber. »Ich habe ihn hier irgendwo abgestellt.« Suchend schaute sie sich um.

»Ich meinen auch.« Sich fast berührend auf dem schmalen Gehweg, die Hände in den Taschen, liefen sie nebeneinander her, kreuzten zwei Seitenstraßen, bevor er auf seinen Schlüssel drückte und wenige Meter entfernt die Warnblinkanlage seines A8 aufleuchtete.

»Wollen Sie einsteigen? Dann suchen wir bequemer.«

Marlene betätigte ebenfalls die Fernbedienung. Direkt neben dem Audi blinkte es.

»Danke«, sagte sie. »So weit ist es nicht.«

Schade eigentlich.

Der Feierabendverkehr war abgeebbt. Viele Leute hatten vermutlich Urlaub zwischen den Feiertagen oder steckten in den Skigebieten fest. Eine Weile sah er sie an. Schnee zwischen ihnen. Daniel hörte das Klicken der Zentralverrieglung, die seinen Wagen wieder verschloss.

»Also dann …« Sie hielt ihm die Hand hin. Er nahm sie und hielt sie fest.

»Darf ich Sie anrufen?«

»Wenn es nicht unbedingt sein muss …«

Noch einen Moment, dann ließ er sie los. »Kommen Sie sicher an.«

Sie nickte und setzte sich in ihren Golf. Ein Trupp von Jugendlichen kam grölend heran. Die Jungs schlängelten sich an ihm vorbei und verschwanden in einen Hauseingang.

Marlene winkte ihm noch einmal zu und parkte rückwärts aus. Als sie anfuhr, torkelte ein Mann auf die Straße. Ihr Wagen bremste. Der Mann stürzte, blieb liegen. Marlene sprang aus dem Wagen. Der Typ stöhnte.

»Alles okay mit Ihnen?« Marlene ,bleich und atemlos, fasste den Mann am Arm..

Daniel stieg auch aus und war sofort neben ihr.

Mühsam rappelte sich der Mann auf. Ein kleiner Mensch mit Halbglatze, Anorak und dem Geruch von Chaos, diese Mischung aus Schweiß und Angst, Alkohol und Hunger.

»Hau ab, Schnalle, sons hau ich dir eins inne Fresse, du dumme Schlampe.« Wankend kam er auf die Beine und holte aus.

»He, he, he.« Daniel fiel ihm in den Arm, griff ihn am Kragen. Im Licht der Straßenbeleuchtung bemerkte er die winzigen Pupillen.

»Was wills´n du. Die Schnecke hat mich umgefahr´n. Ich hol die Bulln!«

Daniel hörte Marlene atmen. Sie würde doch wohl die Klappe halten?

»Die Bullen sind schon da, Arschloch. Du scheinst ja ganz in Ordnung zu sein, bis auf das Zeug, was du im Blut und in der Tasche hast.« Mit der Linken hielt er ein Tütchen hoch. Staunen malte sich auf das Gesicht des anderen, aber es brauchte einen Augenblick, bis die Information sein Hirn erreichte.

»Das is …« Empörung. »Das is nich meins. Ich hab …« Er fummelte an seiner Jacke und zog ein anderes Tütchen heraus. Seine Augen verengten sich. »Du Drecksau!« Er versuchte sich zu befreien. Aber Daniel stieß ihn in den Schneehaufen neben einer Einfahrt.

»Sieh zu, dass du wegkommst.«

Vor sich hinschimpfend erhob er sich, klopfte den Schnee ab und humpelte davon.

Daniel sah sich um. Marlene stand da, festgefroren.

»Scheiße«, murmelte sie und presste die Hand auf den Mund.

»Haben Sie nicht doch Lust, mir Ihre Telefonnummer zu geben? Ich finde sie sowieso heraus.« Er kramte nach seinem unschuldigsten Lächeln und legte es an. »Oder ich bringe Sie nach Hause und Sie zeigen mir das beste Hotel in ganz Coesfeld.« Das wäre immerhin ein Plan. Kein tauglicher für die Termine morgen, kein sinnvoller überhaupt. Aber irgendeiner.

Außerdem: eine Polizistin. Eine hübsche.

Und eine, die sich nicht an die Regeln hielt.

Die Gedanken flimmerten in Leuchtschrift über ihre Stirn. Er ließ ihr Zeit.

»Einverstanden«, sagte sie, war aber noch nicht fertig. »Was kostet mich das?«

Vorsicht! »Einen Kaffee im Corso? Wenn Sie mal in Leipzig sind?«

Wieder eine Pause. Schnee. Dann wiederholte sie: »Einverstanden.«

 

 

7.

Die Heizung war ausgefallen. Marlene goss sich einen Erdbeerlikör ein, etwas Stärkeres war vorsichtshalber nicht im Hause. Dazu Pfefferminztee. Sie wärmte so lange ihre Hände an der Tasse, bis sie kalt war. Eingehüllt in ihre Decke fingerte sie die Visitenkarte aus der Jeans neben dem Bett.

Daniel Schönfelder, seCURity, Adresse, Telefonnummer.

Gott, was für ein Akt, dem Typen eine Bleibe zu verschaffen. Auf der Fahrt hatte sie im Haselhof angerufen. Die hatten nichts mehr frei, die Weißenburg in Billerbeck war zwischen den Feiertagen geschlossen. Bis sie sich durch ein paar Pensionen telefoniert hatte, lag der erste Stau hinter ihnen und der nächste vor ihnen. In einer Pension, die sich Berkelblick nannte und die Marlene nicht kannte, konnte sie endlich ein Zimmer für ihn buchen.

Während sie telefonierte, betrachtete sie Daniel Schönfelder im Licht der Armaturen, ein ruhiges, konzentriertes Gesicht. Genauso war sein Fahrstil. Der warme Strom der Heizungsluft, Soul aus den Lautsprechern – fast wäre sie eingeschlafen. Mit klopfendem Herzen schreckte sie hoch. Der Mann hatte ihr den Arsch gerettet, erst einmal. Aber das war lange kein Grund, ihm zu trauen. Im Gegenteil. Er war Zeuge eines Unfalls mit Personenschaden gewesen, bei dem sie wegen ihres Alkoholkonsums Fahrerflucht begangen hatte.

Den Pfefferminztee trank sie kalt. Sie fuhr sich über die Stirn. Was für ein Wahnsinn!

Die Erdbeerlikörflasche hatte zwei Drittel ihrer Füllung eingebüßt, und allmählich fingen Marlenes Wangen an zu glühen, eine wohlbekannte, gefährliche Leichtigkeit trat ein. Und die Erinnerung an die Scham am nächsten Tag nach den Abstürzen kehrte zurück. Hagemann. Hagemann war tot.

Sie zermarterte sich das Hirn, weshalb Schönfelder ihr auf diese idiotische Weise geholfen hatte. Woher waren die Tütchen gekommen, mit denen er und der Typ, der ihr vors Auto gelaufen war, herumgewedelt hatten? Ganz genau hatte sie das nicht mitbekommen – und was drin war auch nicht. Sie hätte Schönfelder fragen müssen. Hatte es aber nicht getan. Sie war froh über sein Angebot gewesen, sie nach Hause zu fahren. Genaugenommen war alles gerade noch gut gegangen. Oder vielmehr: Es hätte deutlich schlimmer kommen können.

Das Telefon klingelte.

Auf dem Display stand Gregors Nummer. Sie nahm nicht ab. Diesmal sprach er nichts auf den Anrufbeantworter. In den sieben Anrufen zuvor hatte er von Christian Hartfields Lebensumständen berichtet. Ex-Soldat sei er gewesen, Afghanistan und so. Die Mutter wohne nebenan, sei aber nicht vernehmungsfähig und so weiter und so weiter … Zuletzt hatte er eine Liebeserklärung gemurmelt.

Wieso funktionierte eigentlich das Telefon anstelle der Heizung?

Schönfelder wirkte erfrischend unkompliziert. Während der Fahrt nach Coesfeld hatten sie über die Arbeit gesprochen, und er hatte vom Expansionsvorhaben seiner Firma geredet. Gerade weibliches Personal fehle ihm, dabei hatte er sie angesehen. Marlene erzählte ihm mehr über ihre bescheuerte Arbeitssituation, als sie wollte, und ärgerte sich jetzt darüber. Kurz vor zehn hatte er sie zu Hause abgesetzt, sich verabschiedet und freundlich gesagt: »Wenn Sie mal Sicherheit brauchen … oder was anderes. Einen Job zum Beispiel.«

Der Gedanke ging ihr nicht aus dem Kopf. Über die Folgen, wenn jemand von dem Unfall erführe, machte sie sich keine Illusionen. Und da war auch noch Schneider, dem sie morgen – sie sah auf die Uhr, zwanzig nach zwei – heute wieder begegnen musste. Und Niehues gab es auch noch. Und Gregor. Und … sie wusste nicht, wie sie weitermachen sollte. Lange beobachtete sie den Lichtfleck an der Decke.

Dann wusste sie es.

Sie musste eingenickt sein, denn plötzlich war es drei. Dennoch durchströmte sie ein Gefühl von Energie. Sie stellte den Wecker auf sieben, stand auf, setzte sich an den Computer, schrieb, druckte das Dokument aus. Vorsorglich zog sie einen weiteren Pullover über und schlüpfte in ihre Jacke. Draußen war es still und frostig. Als sie die Kündigung in den Postkasten steckte, wurde ihr warm.

 

 

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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2 Antworten zu Lesepröbchen: „Es gibt keine Toten“

  1. gudrunlerchbaum schreibt:

    Ich kann nur allen empfehlen: Buch kaufen, weiterlesen!

    Gefällt 1 Person

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