Schnispelchen vom Nächsten …

Sie haben sich gerettet und sie sitzen fest, Metha, Albrecht und Sydney, im Werratal, während es regnet und die Flut steigt …

 

 

„Wir könnten versuchen, den Kamin anzumachen“, sagt Albrecht. Ihm ist so kalt, als könne es nie wieder warm werden. Er zittert nicht mehr, es ist eine tiefere, innere Kälte, gegen die er wehrlos ist. Zwar hat er trockene Kleider angezogen, war wider Erwarten froh, dass er den dämlichen, aber wasserdichten Koffer mitgeschleppt hat, die Kälte will nicht weichen.

„Tun Sie das“, sagt Metha und rührt sich nicht, beobachtet das Kind, wie es atmet und manchmal schluchzt.

„Ich habe nichts, womit man es anzünden könnte. Sie vielleicht?“

„Holz liegt rechts neben dem Kamin.“

„Feuerzeug? Streichhölzer?“

„Schauen Sie selbst nach, Herr Jackwitz. Ich habe keine.“

Er würde ja, wenn es nicht so dunkel wäre, davon abgesehen, dass er sowas nicht gut kann. Sein letzter Versuch, Feuer zu machen, liegt über vierzig Jahre zurück und scheiterte in Anwesenheit einer Truppe von Kumpels und einer Handvoll genialer Mädels in den Elbauen. Alle lachten. Albrecht schnappte sich sein Buch und verschwand für den Nachmittag. Bevor er sich zum Affen macht, nimmt er sich ein Buch, immer schon. Leider hat er keines dabei, das ihn wärmen würde.

„Papier zum Anmachen gibt es auch nicht“, sagt Metha, ohne den Blick von dem Kind zu wenden. Es wird ruhiger, atmet tiefer. Abrecht fragt sich gerade, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist, da beginnt Sydney zu sprechen, leise, konzentriert.

„Ich wollte nach Dortmund zu meinen Eltern über die Ferien. Ob sie mich da haben wollen, weiß ich nicht. Vielleicht ist es besser, dass es nicht geklappt hat. Sie werden mich noch mehr hassen, wenn sie erfahren, was ich getan habe.“

„Aber was …“ Metha schmerzt es, einen Jungen so reden zu hören. Sie hat selbst keine Kinder. Nur ihre Leichen hatte sie zuweilen auf dem Tisch, das war auch schlimm, doch der Schmerz lag zurück. Der des Jungen ist frisch und scharf.

„Ich hätte sie dazu bringen müssen, aus dem verdammten Bus zu steigen und mit mir den Berg hinauf zu gehen, hierher.“ Er macht eine Pause, in der der Regen rauscht und aus Methas Magen ein Grummeln zu hören ist. „Ich habe nicht. Und nun sind sie tot. Auch die nette Oma. Und der Vollhonk. Man muss doch auch Vollhonks vor dem Tod bewahren, wenn man kann, oder nicht?“

 

 

 

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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