Arbeit am Neuen – „Niemands Land“ – Albrecht

Albrecht ist ein komischer Typ. Mitte Fünfzig, drahtig, ungelenk und kurzsichtig. Dauernd verlegt er seine Brille. Und er vergisst. Alles, was er nicht in seinen Büchern findet. Albrecht ist ein Buchmensch. Zwei Töchter, eine Frau in Weimar, die er hasst, eine Geliebte in Hamburg, die er nicht liebt, weil er nie liebt, und neuerdings einen Job in der Nationalbibliothek in Frankfurt, im Paradies gewissermaßen. Kein Alkohol mehr, keine Zigaretten, stattdessen läuft er täglich kilometerweit, wenn er nicht liest oder schreibt oder redet. Gegen den Tod. (Im letzten Jahr hat er sogar an einem Marathon teilgenommen.) Das klappt ganz gut, wenn nicht sein Zug von Erfurt nach Hamburg einfach in Mühlhausen stehen bleiben würde. Albrecht hat es eilig und dieser Scheißregen … Eine Brücke sei gesperrt, heißt es. An seiner Stelle würde ich es ja nicht machen, die Wetterzentralen haben gewarnt. Aber für so etwas Banales wie Wetter hat Albrecht keine Zeit. Er steigt aus und läuft los … Eigentlich hofft er auf einen Bus, doch da ist er schon aus der Stadt, läuft weiter und weiter, während der Regen rinnt und die Bücher in seiner Tasche aufweicht. Mit ihm wandern die Gedanken, und ihnen folgen die Zweifel … Irgendwo muss es doch einen Bus geben. Aber da ist nichts, da in der Mitte von Deutschland. Nur Albrecht, der Regen und jede Menge Land. Lange hat er sich nicht so nass gefühlt, lange hat er sich nicht gefühlt. Er hätte gut darauf verzichten können, denn nun kommen die Fragen, die echten, die in keinem Buch beantwortet sind …

Albrecht soll sich ruhig mit ihnen herumschlagen. Es kann nur besser werden, besonders, wenn er aufhört, die falsche Frage zu stellen: Wer soll ich für dich sein, damit ich weiß, wer resp. dass ich bin?

So richtig leiden, kann ich Albrecht ja nicht, obwohl er ein gescheiter und erfolgreicher Mensch ist. Ich weiß, dass ihm noch einiges bevor steht, wenn er anhält, sich erinnert und das Nichts spüren muss. Ich bin nicht sicher, was ich ihm wünschen soll. Weiterlaufen oder Erkenntnis? Ist irgendwie beides nicht schön. Und der Regen hört auch nicht auf. Es ist inzwischen Nacht. Nirgends ein Haus, kein Auto fährt vorbei, nur ein ausgebrannter Bus am Straßenrand. Aber hey, da oben auf dem Hügel ein Licht …

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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