Roman: Herbjørg Wassmo: Schritt für Schritt

wassmo-schrittxVerpackte Ebereschen & verschwiegene Gewalt

Dass dieser autobiographisch gefärbte Roman der norwegischen Schriftstellerin Herbjørg Wassmo in seinem Erscheinungsjahr 2016 nicht die Aufmerksamkeit erhielt, die ihm gebührte, könnte man als symptomatisch verstehen, denn von der Unsichtbarkeit der Frauen wird darin erzählt – auf unprätentiöse, bildhafte und dennoch karge Weise.

Sie ist siebzehn, als sie ihren Sohn zur Welt bringt. Sie, die Namenlose, will den Sommerflirt, der zu der Schwangerschaft beitrug, nicht heiraten. Aber etwas tun muss sie, einen Beruf finden, damit sie sich und den Jungen durchbringen kann. Weder er noch die Eltern, noch der Dichter, der durch ihre Träume schreitet, haben Namen. Sie haben ausschließlich Funktionen. Vom Dichter ist anzunehmen, dass es sich um Knud Hamsun handelt (er erhielt den Nobelpreis und eine Verurteilung wegen Kollaboration mit der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs). In der Funktion steckt – frei nach Hannah Arendt – zumindest die Möglichkeit von Grausamkeit, denn extrem gedacht, handeln wir in ihr nicht als denkende Wesen. Im Roman beschreibt die Namenlosigkeit die Fremdheit und Abgespaltenheit von sich selbst und der Welt. Doch nicht alle sind ohne Namen. Raskolnikow nicht und nicht Simone de Beauvoir, die Schriftstellerin Sara nicht und nicht die arme Marie.

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Die pragmatische, schweigsame Mutter kümmert sich um den Jungen. Den verabscheuten Vater hält sie sich mit der Drohung vom Leib, sie habe „alles“ aufgeschrieben und „es“ würde öffentlich, falls ihr etwas passiere. Eine Ahnung von erlebter Gewalt schwingt mit, benannt werden die Ereignisse nicht. Sie fällt einfach um, wenn die Angst heranschwappt. Ihre Ohnmachten halten sie an der kurzen Leine.

Sie will Abitur machen, scheitert an der Verlorenheit da in der kleinen Stadt jenseits des Fjords. Der Tod lockt sie, doch sie überlebt den Versuch, sich ihm hinzugeben. Sie weiß nicht weiter, liest „Schuld und Sühne“, will an die Kunstschule, drei Jahre fort von dem Kleinen, weit fort. Das geht nicht. Nichts geht. Nach einem finsteren Sommer verlässt sie ihr Bett und wird Lehrerin. Und sie findet zum Schreiben. Das erste Preisgeld für eine Kurzgeschichte reicht für ein Fahrrad.

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Mit dem Mann, den sie ehelicht, bekommt sie eine Tochter. Er ist ein fröhlicher Mensch, tischlert Regale und albert mit den Kindern. Sie nennt ihn den Jäger, wenn er in die Berge geht oder zu anderen Frauen, versorgt ihn, wenn er getrunken hat, während sie den Alltag stemmt. In aller Naivität nimmt er sich eine Freiheit, die sie von geburtswegen nicht hat. Bei allem Selbstzweifel, Zweifel über die Berechtigung ihres Soseins, schlüpft sie in Träume und Zeitlücken, um zu schreiben. Ruhe findet sie darin. Die Kühle der Sprache enthüllt aber durchaus, wie wenig sie mit sich übereinstimmt. Immer wieder ist sie verwundert, wie andere mit sich leben, so selbstverständlich. Nur: „Sie kann einfach nichts schaffen, was gut genug ist.“ Die Familie wohnt weit im Norden am Rande des Lebbaren, in einer Gegend, in der sogar die Ebereschen eingewickelt werden, um sie vor tödlichem Frost zu bewahren. Wassoms Sätze über diese Zeit, selbst wenn sie lacht, sind aus Eisschollen und Fels gemacht, keine Heiterkeit klingt hindurch, stattdessen Trotz. Der treibt sie an. Sie kündigt den Job als Lehrerin und studiert Literatur in der Stadt. Ihr erster Roman über das Deutschenkind Tora schlägt ein und wird vom Nordischen Rat gepriesen. Ein zartes Pflänzchen Selbstwert bohrt sich durch den Permafrost, immer bedroht von Erniedrigung, Mittellosigkeit und Ohnmacht. Oder auch vom scharfen Neid der Nachbarsfrau, der ihr wie Eiswind entgegenschlägt. Aber sie lernt und versteht und verschwestert sich.

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Das Schweigen aber über das Unrecht, das ihr widerfuhr, hält Worte, Sätze und Kapitel im frostigen Griff. Sie versteht Literatur als Literatur, an sich. Erst ein Ereignis (das müssen Sie selbst lesen) macht es ihr möglich, auf Tauwetter zu hoffen, darauf Worte zu finden, die gesprochen werden können. Solche, die die eigene Wirklichkeit wiedergeben und sie selbst bezeichnen.

Herbjørg Wassmo ist eine begnadete Erzählerin, verwurzelt ist ihre Sprache in der unwirtlichen Landschaft Nordnorwegens. Aber ihre Geschichte einer Frau, die sich hinauskämpfen muss in die Freiheit, gegen Demütigung, Gewalt und patriarchale Arroganz ist archaisch, aktuell und international.


Herbjørg Wassmo. Schritt für Schritt. Roman, Argument/Ariadne Verlag Hamburg 2016, Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs, 352 Seiten, 19,- Euro

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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