Ich schäme mich nicht

… Deutsche zu sein. Wie so auch? Ich hab das ja nicht mit Absicht gemacht. Ich bin hier zwangsgeboren.

In vielen Artikeln, die sich in diesen Tagen dem kriminellen Tun rechtsextremer Dumpfbratzen und ihren schweigend einwilligenden Mittätern widmen, ist von der Scham, die empfunden würde für die nationalen Mitbewohner, die Rede. Ehrlich gesagt, fällt es mir schwer, das Gefühl in diesem Zusammenhang nachzuvollziehen. Das bedeutet nicht, dass ich Rassismus, Demütigung, Brandstiftung, Gewalt nicht verurteilen würde. Im Gegenteil! Nur ist es erforderlich, sich einer sozialen Gruppe zugehörig zu fühlen, um durch deren Mitglieder beschämt zu sein, denn Scham hat eine soziale Funktion. Sie ist „Strafe“ und damit Adhäsionskraft des Sozialsystems bei übertreten moralischer Grundsätze. Außer dem Umstand, dass ich zufällig in die gleiche nationale WG hineingeboren bin, kann ich jedoch keine Gemeinsamkeiten mit den Menschen erkennen, die rechtsextrem denken und menschenverachtend handeln, und kann sie nicht als meine soziale Gemeinschaft anerkennen, deretwegen Scham gerechtfertigt wäre. Ich gehöre zu anderen sozialen Gruppen. Ich bin Familie. Ich bin Freundin. Ich bin Frau. Ich bin Europäerin. Ich bin Weltbürgerin. Mensch halt. Und ich bin eben auch Deutsche. Für nichts von allem dem muss ich mich schämen, wenn ich meiner Rolle in den Systemen auf moralisch angemessene Weise entspreche. Scham aber würde meine Handlungsfähigkeit einschränken, betrachtet man ihre Auswirkungen – Blick abwenden, erröten, Herzfrequenz steigern, schlimmstenfalls Rückzug. Mittels Scham würde man das Feld der Aggression überlassen. Und das wäre angesichts der Bedeutung, die das Handeln, das Eintreten gegen Schwachsinnsideologien, das Mittun am Gelingen von integrativen Aufgaben, hat, eine Katastrophe. Also nicht in Scham und damit Ohnmacht versinken, sondern sich verbal und tätig von Menschen, die simplen Weltbildern und ihren manipulativen Gewinnlern aufsitzen, abgrenzen. Gerne im Netz, und noch lieber in echt! Dann ist es nämlich wurscht, ob man deutsch ist, polnisch, mazedonisch, französisch, grün, gestreift, weiblichmännlich, rothaarig oder irgendwie gemixt.

Sonne guckt. Auf alle!

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Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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8 Antworten zu Ich schäme mich nicht

  1. juttareichelt schreibt:

    Niemand sollte sich gedrängt fühlen, sich für etwas zu schämen, das er nicht getan hat – soweit stimme ich dir absolut zu! Und gleichzeitig empfinde ich es so: Ich bin Deutsche und werde von anderen auch als Mitglied der Gruppe „Deutsche“ angesehen – ob ich selbst das als einen erheblichen Teil meiner Identität ansehe oder nicht. Und deswegen kann es dann schon mal geschehen, dass ich mich schäme für das, was Mitglieder „meiner“ Gruppe tun oder lassen oder sagen.

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  2. gudrunlerchbaum schreibt:

    Liebe Anne,
    ich stimme in diesem Fall nicht ganz mit dir überein. Einer Gemeinschaft gehören wir nämlich alle an: Wir sind alle Menschen. Ob es nun etwas bringt oder nicht – Scham schwingt vielleicht schon mit in meinem Entsetzen darüber, wozu Menschen fähig sind und immer fähig waren. Wie dünn die Milchhaut der Zivilisation ist und wie kraftvoll, was darunter liegt. Das nicht wegzuschieben und nur den anderen zuzuschreiben – ja, sich auch dafür zu schämen! – sorgt dafür, dass man wachsam bleibt, was eigene unmenschliche Impulse betrifft.

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    • annekuhlmeyer schreibt:

      Liebe Gudrun,
      wenn man Scham distanzieren und nutzen kann, ist das ja super. Mir ging es darum, nicht einfach dabei zu bleiben. Zu reflektieren, an welcher Stelle man sich moralisch verhalten muss, ggf. auch gegen einen ersten Impuls, der selbstverständlich aufkommen kann, hilft ja gerade aus dem Beschämtsein hinaus, zum Nachdenken und zum Handeln zu finden.

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  3. inlove87 schreibt:

    Das ist ein sehr interessanter Beitrag von Dir Anne! Ich selbst bin hier nicht geboren, aber bin deutsche Staatsbürgerin. Wir sind vor etwa 24 Jahren nach Deutschland zurückgekommen. „In die Heimat“, wie es so schön heißt. Ich fühle deutsch und ich bin deutsch und ich schäme mich nicht deutsch zu sein, aber ich schäme mich manchmal dafür, was andere Deutsche machen und wie „deutsch sein“ international ausgelegt wird (Finde ich aber extrem unfair, denn jedes Land hat Leichen im Keller, nur wir sind das Paradebeispiel, wir bösen Deutschen). Wichtig ist aber für mich, dass ich weiß, dass „das“ nicht alle Deutschen machen. Wir können wirklich Stolz drauf sein, dass wir deutsch sind. Wir haben keinen Grund uns zu schämen, denn genauso wie Du, habe auch ich nichts gemacht für was ich mich schämen müsste. Leider ist es nur so, dass wir nur stolz drauf sind, wenn die WM oder EM kommt und es Bier und ’ne riesen Leinwand gibt 😉

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    • annekuhlmeyer schreibt:

      Oh, das ist jetzt ein fundamentales Missverständnis. Stolz würde die selben nationalen Beschränkungen bedeuten. Aber stolz auf meine Nationalität bin ich auch nicht. Ich kann ja nix für sie. Und alle anderen Menschen, die woanders geboren sind, könne das auch nicht.
      Außerdem sehe ich durchaus eine historische Verantwortung. Will heißen: Man kann und darf nicht vergessen, welche schlimmen Folgen Nationalismus gehabt hat. Und eben deswegen ist es notwendig. human und nicht national beschränkt zu denken, in keiner Richtung!
      Aber natürlich soll jeder den Flecken lieben können, auf dem er wohnt. egal, wo er/sie wohnt. Und wenn die Bedingungen dort unerträglich sind, braucht er/sie einen neuen Flecken. Und dort soll er/sie als Mensch willkommen sein.

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      • inlove87 schreibt:

        Wie ich schrieb, ist das ein sehr interessantes Thema zu dem einfach jeder ein anderes Verständnis hat 🙂 Ich finde Stolz auf seine Nationalität nicht schlimm, wichtig ist nur, so wie Du schreibst, dass wir human sind und anderen Leuten gegenüber offen sind und ihnen, die bei sich nicht mehr sicher sind oder sich in ihrem Zuhause nicht mehr wohlfühlen, auch bei uns ein Zuhause geben können. Ich denke, der Satz: „Mein Zuhause ist die Erde“ drückt dies am besten aus. Und dabei spielt Hautfarbe, Sprache und Religion weniger eine Rolle. Mehr von Bedeutung ist, dass wir alle Menschen sind, die ein *sicheres* Zuhause brauchen.

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