An die Mütter von toten Terroristen

Nichts ist mehr, wie es war, wenn es da ist, dieses kleine Menschlein mit den großen Augen, das dich dazu bringt, Dinge zu tun, die du im Leben nicht tun würdest, wäre es nicht. Nach dem gewaltigsten Ereignis, das deinen Körper je erschüttert hat, dieser Explosion von Schmerz und Emotion, guckt’s in die Welt und … ist.

Den Rest musst du besorgen. Jeder, der einmal so ein Menschlein bei sich zu Hause hatte, weiß, wovon ich rede. Es stellt deinen Alltag auf den Kopf, vergrault deine Freunde, schafft neue, raubt deinen Schlaf, bekleckert dich mit Kotze und riecht gut. Es braucht immer irgendwas, von dem du nicht weißt, was es ist, und dann doch, und dann lacht es. Es lacht wie der Teufel und du mit, weil du froh bist, dass es lacht und nicht weint. Weil du willst, dass es immer lacht.

Für ihn, deinen Sohn, und dich selbst.

Dann ist er tot. Zerfetzt von einer Bombe, getroffen von einer Granate, durchsiebt von Polizeigeschossen. Dein Sohn. Der einmal ein kleiner Junge war. Weil er getötet hat. Im Namen von irgendeiner Scheiße, die sie ihm in den Kopf gepflanzt haben. Damit sie euer Land besetzen können und ihren Arsch vergolden, nicht im Namen irgendeines Gottes. Götter sollen gut sein für Söhne. Damit sie keine Angst haben müssen in der Welt. Man braucht sie nicht unbedingt, die Götter, wenn man etwas statt ihrer hat gegen die Angst vor dem Tod. Milch und Liebe tun’s auch.

Vielleicht hattest du nicht genug davon, weil sie dir selbst fehlten. Vielleicht. Aber gräm dich nicht deswegen. Mütter sind nicht immer schuld. (Erst seit Freud. Womit er nicht recht hatte, sondern letztlich nur die Erbsünde intellektualisierte.) Mütter leben lange im Verzicht. Für die Nachgeborenen, für die Zukunft.

Deshalb mein Mitgefühl den Müttern der toten Terroristen. Ihr habt eure Söhne verloren in einem Krieg, der nicht der ihre und nicht der eure ist.

Weinen wir um die Söhne.

Und lasst uns die Klingen schärfen, die Stifte spitzen, die Räume besetzen, auf die Straßen gehen gegen dieses Pack von Kriegsgewinnlern, egal ob in Kampfuniform, Kaftan oder Nadelstreifen. Egal, welcher Art ihr Krieg ist.

Ich trauere um eure Söhne mit

und geb meine nicht!

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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6 Antworten zu An die Mütter von toten Terroristen

  1. Arabella schreibt:

    Und doch musst du Mensch sein lassen. Um nicht trauern zu müssen: von Anfang an: Dich meinen Sohn, habe ich geboren, damit du Leben verbreitest. Du bist nicht besser oder schlechter als deine geliebte Schwester neben dir. Töten geht ohne Frauen, lieben nur mit ihnen.

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  2. gudrunlerchbaum schreibt:

    Ich denk auch immer an die Mütter … dennoch ist mir das zu pauschal. Weil es mindestens ebenso viele Töchter gibt, die ihr Leben im Krieg lassen und sicher nicht auf angenehmere Weise. Weil es auch Mütter gibt, die stolz sind auf ihre Söhne, die – für was auch immer ihr Leben lassen.

    Gefällt 1 Person

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