Die Unzufriedenen

DSC_0782

Die Unzufriedenheit ist groß geworden. Man konnte sie seit Jahren wachsen sehen, wenn man die Augen aufgemacht hat. Früher hat sie sich halbwegs demokratisch gebändigt in Hinterzimmern, unter vorgehaltenen Händen, an den Stammtischen versteckt. Seit einiger Zeit treibt sie’s auf die Straße, dorthin wo sie Platz hat, sich auszubreiten. Wo sie Befürworter und Rufer findet. Dahin, wo das Volk ist, das deutsche, versteht sich, fremdländisches wird nicht geduldet. Da steht man zu. Die Leipziger Unzufriedenen z.B. haben ihre Positionen in 17 Punkten dargelegt. Darin kommt so etwas vor wie: keine Flüchtlinge, mehr Staatsmacht, Abschaffung der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Ich lachte auf, als ich es las, aber sie meinen das ernst.

Die Politik guckt irritiert, zuweilen leicht angeekelt, aber vorzugsweise schweigend, auf das, was sich PEGIDA-Bewegung nennt. Viele Zeitungen berichten erstaunt, suchen Erklärungen, verweisen auf die funktionierende Demokratie, die noch ganz anderes ausgehalten habe, seinerzeit in den 1970ern. Das habe man auch in den Griff gekriegt. Mit ein paar Berufsverboten für linke Lehrer und Journalisten. (Ich will an der Stelle KEINEM Terror das Wort reden, auch dem RAF-Terror nicht.) Aber die Bedrohung von „Links“ ist irgendwie immer bedrohlicher für den Staat, nicht?! Für sie gibt es schlappbehütete Institutionen, die effizient arbeiten. Das klappt bei „Rechts“ nicht so gut. Über ein Jahrzehnt durfte die NSU rauben und morden. Die Opfer und/oder deren Familien mussten lernen, was der Begriff „institutionalisierte Gewalt“ beinhaltet. Man gab den „Fremden“ selbst die Schuld an den Attentaten bzw. ihren Hintergründen, zumindest wurde das über Jahre versucht. Eindrucksvoll zeigen das Protokolle aus den Gerichtsverhandlungen, mitgeschrieben von Journalisten, eingesprochen von Schauspielern (hier).

Und nun sind da Menschenmassen auf den Straßen der Großstädte, die ihrem diffusen Unbehagen gegenüber ihren Lebensumständen Luft machen.
Der Sündenbock bietet sich in jeder Gesellschaft an. Herkunft und Status des Sündenbocks sind unterschiedlich, gleich ist: Es ist immer der Andere, der Fremde, weil das nämlich so schön einfach und für jedermann verständlich ist. Projektionen haben wie jeder neurotische Abwehrmechanismus eine Logik, eine innere Plausibilität, die für den, der ihn benutzt, nicht zu erkennen ist. Das Phänomen findet sich im Einzelnen wie in Gruppen. Dem ist auch nicht argumentativ beizukommen, solange kein Leid besteht. Und das besteht erst einmal nicht, weil die Abwehr trägt und durchaus sinnvoll ist, um Schlimmeres (Desintegration oder Tod, sozial oder individuell) zu verhüten. Bildet sich nun eine so große Gruppe, wie es diese PEDIGA-Bewegung geworden ist, die einfache Lösungen für komplexe Probleme bevorzugt, ist das nicht zu bagatellisieren. Und es ist nötig nach den Ursachen der Unzufriedenheit zu forschen. Ich verstehe beim besten Willen die Verwunderung nicht, auf die ich allerorten stoße. Na klar, sind die Leute unzufrieden. Nur, weil sie Basics haben, Wohnung, Nahrung, Kleidung, ist das kein Grund, es nicht zu sein. Entspringt Unzufriedenheit nicht auch der Ungleichheit in einer Gesellschaft? Außerdem werden die Handlungsmöglichkeiten für den Einzelnen kleiner, was im Widerspruch zu den Verheißungen steht. Kann man nicht ALLES werden, wenn man sich nur genug anstrengt, genug arbeitet? Oder auch: Kann man nicht alles HABEN? Und wird nicht durch das Haben das Selbst bestimmt? Mit zunehmender Individualisierung spielt Gemeinschaft als Wert eine untergeordnete Rolle. Das Selbst misst sich an dem, was es hat, nicht an dem, was es ist. Narzissmus ist nicht lächerlich, er ist eine Tragödie, für den Einzelnen und das System. Die Leere, die sich hinter diesem strapazierten Begriff verbirgt, ist existenziell bedrohlich. Um diese Bedrohung nicht erleben zu müssen, ist es doch gar zu verständlich, sich einer Projektion zu bedienen. Denn Tatsache ist, dass nicht alle Menschen HABEN können, was die „Geißens“ in RTL II besitzen, an Dingen. Oder die Manger der Konzerne, an Macht.

Gesellschaften, die weniger HABEN, umso reicher an Gleichheit sind, werden verwundert um ihr „Glück“ beneidet. Dieses „Glück“ speist sich aber eben nicht aus materiellem Wohlstand, den es ja in vielen Ländern der Welt gar nicht gibt, sondern aus der Gemeinschaft und/oder aus dem Stolz der Besitzlosen, wenn es sich um ein streng hierarchisches oder totalitäres System mit den zwangsläufigen Subkulturen handelt.

Das diffuse Unbehagen der Unzufriedenen gehört ernst genommen und benannt. Es ist eben keine Kleinigkeit, die sich schon irgendwie demokratisch auswachsen wird, wenn Tausende sich rechter Propaganda anschließen.

Erfreulich immerhin, dass sich Widerspruch regt. Leute, die keine Sündenböcke, keine simplen, kreuzdussligen Lösungen brauchen, oder die sich erinnern, wenden sich gegen die geklauten „Wir sind das Volk“-Rufe, die längst nicht das Volk meinen in seiner Vielstimmigkeit und Vielfarbigkeit.

Nur neben den Politikern (mal abgesehen von den wenigen Sätzen der Kanzlerin zu Neujahr) fehlen mir die Intellektuellen. Wo ist deren Aufschrei, wo sind ihre Texte, wo ist der Zorn, der dahin gehörte? Oder stehen die alle an irgendeinem Fenster, gucken auf ihre jeweilige Großstadt und denken nach? Bleibt zu hoffen, dass nicht ein ungares, verniedlichendes, ungefiltertes Zeug heraus kommt, wie im Text von Monika Maron, die es allein biographisch bedingt besser wissen müsste. Auch wäre es sinnvoll, Dinge zu überprüfen, bevor man einen Artikel veröffentlicht (s. „Wintermärkte“-Umbenennung, die es nie gegeben hat z.B.). Grüße auch an die Redaktion.

Was ich mir wünsche, ist, dass alle, die Rechtspopulismus, Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung von Frauen, Alten, Kranken, Homosexuellen, Arbeitslosen, Geringbeschäftigten und allen, die „zu“ irgendwas sind, ablehnen, das laut und vernehmlich kundtun.
Ich will hier leben können, gut leben.
Ich habe mir so viel Mühe geben müssen, dieses Land zu mögen, dass ich auch dereinst darin begraben sein möchte.
Und deswegen zum Schluss noch der Hinweis auf einen guten Deutschen:

Deutschland. Ein Wintermärchen

Heinrich Heine

Caput I

Im traurigen Monat November war’s,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber.

Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begunnen zu tropfen.

Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zumute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.

Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.

Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.

Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew’gen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

Und wachsen uns Flügel nach dem Tod,
So wollen wir euch besuchen
Dort oben, und wir, wir essen mit euch
Die seligsten Torten und Kuchen.

Ein neues Lied, ein besseres Lied!
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.

Die Jungfer Europa ist verlobt
Mit dem schönen Geniusse
Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
Sie schwelgen im ersten Kusse.

Und fehlt der Pfaffensegen dabei,
Die Ehe wird gültig nicht minder –
Es lebe Bräutigam und Braut,
Und ihre zukünftigen Kinder!

Ein Hochzeitkarmen ist mein Lied,
Das bessere, das neue!
In meiner Seele gehen auf
Die Sterne der höchsten Weihe –

Begeisterte Sterne, sie lodern wild,
Zerfließen in Flammenbächen –
Ich fühle mich wunderbar erstarkt,
Ich könnte Eichen zerbrechen!

Seit ich auf deutsche Erde trat,
Durchströmen mich Zaubersäfte –
Der Riese hat wieder die Mutter berührt,
Und es wuchsen ihm neu die Kräfte.

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Leben so abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Die Unzufriedenen

  1. gudrunlerchbaum schreibt:

    Ich stimme dir aus vollstem Herzen zu, Anne! Die Unzufriedenheit ist verständlich, ebenso wie die Angst, die diese Leute umtreibt. Erschütternd ist nur die Dummheit, Rückwärtsgewandtheit und Engstirnigkeit ihrer angeblichen Problemlösungen.

    Gefällt 1 Person

    • annekuhlmeyer schreibt:

      So isses. Aber es könnten sich ein paar mehr Leute aufmachen, jene, die es besser wissen müssen, und etwas Vernünftiges dazu schreiben.

      Gefällt mir

  2. cwbloggerin schreibt:

    Das politische Schweigeb finde ich auch am allerschlimmsten. Denn dies macht möglich, was verhindert werden sollte. Unsichere Menschen sehnen sich nach klarer Ansprache. Wenn die etablierte Politik keine Antworten gibt oder geben will, laufen sie den Wölfen im rhetorischen Schafspelz hinterher. Eigentlich könnte man aus Weimarer Republik-Endzeit lernen. Was heißt „könnte“- müsste!
    Doch leider, befürchte ich, haben auch diejenigen Angst, die wir gewählt haben. Sie haben Angst, Wähler zu verlieren. Deswegen schweigen sie oder bleiben vage, bis Meinungsforscher für sie den Markt analysiert haben. Aber: Wer everybodys Darling sein will, macht sich am Ende zum Sklaven. Nur merken sie es nicht, sie wollen ihre Macht erhalten und fangen daher an auch das Wählerpferd von rechts aufzuzäumen. Und das macht mich wütend, diese Eier- und Hirnlosigkeit der politischen Klasse.

    Gefällt 1 Person

    • annekuhlmeyer schreibt:

      Ja.
      Immerhin gibt es eine Gegenbewegung.
      Die ändert nix an den ökonomischen Ursachen und an den problematischen Entwicklungen der letzen Jahre.
      Danke für Deinen Kommentar!

      Gefällt mir

  3. Sylvia Hubele schreibt:

    „Das diffuse Unbehagen der Unzufriedenen gehört ernst genommen“ das finde ich einen ausgezeichneten Satz. Vor ein paar Tagen hatte ich mir auch ein paar Gedanken dazu gemacht, aufgeschrieben was mir einfach so, aus der Ferne, zu diesen Dingen so durch den Kopf ging:
    http://www.jaellekatz.de/allgemein/meine-gedanken-zu-pegida
    Viele Grüße

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s