Zum Teufel mit Gott

 

Unter den Händen spürte sie Sand. Als sie die Augen aufschlug, glitzerten die Sterne eisig. Lilli rappelte sich auf, steif vor Kälte, strich ihren Rock glatt und warf einen Blick in die Landschaft. Sand. Sand und Steine, soweit sie sehen konnte.
„Wo, zur Hölle, …?“
„Im Paradies.“
Lilli fuhr herum. Eine hagere Gestalt schritt auf sie zu. Der Mann hob den Arm und Feuer flackerte auf. Es wärmte sie.
„Wer, zum Teufel, bist du? Und…“ „Zum Teufel ist gut.“ Der Schwarzgelockte verzog seinen Mund zu etwas, das als Grinsen durchgehen konnte. Er mochte um die Dreißig sein. Sein gut geschnittenes, leicht vorgealtertes Gesicht stand in Kontrast zu seiner unorthodoxen Kleidung, einer Art Gewand, das dringend ersetzt gehörte, nicht nur modisch. Wenigstens war es sauber.
„Ich bin Gott.“ Er ließ sich neben dem Feuer in den Sand fallen und stocherte in der Glut. „Du kannst mich Gottfried nennen. Es glaubt sowieso kaum noch einer an mich.“
Was für ein Spinner! „Kannst du mir vielleicht sagen, wie ich hier wieder weg komme?“ Lilli wühlte einen ramponierten Lippenstift aus der Tasche und zog sich freihändig die Lippen nach.
„Bisschen schwer von Begriff, oder was?“
Als sie nichts tat, als den Lippenstift wieder einzustecken, seufzte er und erklärte den Vorfall, als sei sie der Depp. „Die Brücke war vereist auf der A43, du warst zu schnell. Bevor der Rettungshubschrauber landen konnte, warst du hier. Du bist tot, oder im ewigen Leben – wie du willst.“
Ob er gefährlich war? Oder nur behämmert? Es liefen ja Leute rum … Sie konnte sich nicht entschließen, zu gehen. Hier war das Feuer und rundum die Wüste. Und plötzlich, während sie in die Flammen stierte, erinnerte sie sich. Sie wollte zur Arbeit, kalt war es, gefroren. Der Wagen schleuderte aus der Spur, dann… nichts mehr. „Mein Gott!“
„Jetzt hast du‘s.“ Der Typ blickte direkt in ihr Begreifen hinein, dann sah er sich um und senkte beschämt den Blick. „Früher sah es hier netter aus, echt. Blühende Bäume, süße Früchte und so, wie es sich gehört eben. In den letzten Jahrhunderten verkommt alles. Ich kann mich nicht aufraffen, habe einfach keine Lust mehr. Zu öde der Job.“ Gott legte die Arme um die Knie und schaukelte trostlos.
Überraschend stahl sich ein unbekanntes Gefühl in Lillis Hirn, Mitgefühl womöglich. Armer Kerl. Mochte der Typ verrückt sein, wie er wollte. Wir leben in einer Demokratie! Da darf jeder so verrückt sein, wie er/sie will!
Er hatte eine sympathische Stimme und etwas, das ihr Vertrauen weckte, sie nicht benennen konnte. Also zog Lilli ein Folienkärtchen aus ihrer Handtasche. „Nimm das, dann fühlst du dich besser.“
„Was ist das?“
„Prozac. Ich habe es auch eine Zeit genommen.“ Das war, als es ihr nicht besonders ging, gar nicht gut ging, als ihre Welt im Finstern lag, im tiefschwarzen Nichts.
Der Mann, der sich Gott nannte, zögerte, entschied sich schließlich und würgte eine Kapsel runter.

„Adam und Eva waren schon Irre, aber seit die weg sind, gibt es hier nur noch Meschuggene“, begann er nach einer Weile. „Die einen beten den ganzen Tag in ihrer Kirche. Die anderen feilschen in der Moschee um die besten Plätze und die dritten debattieren, ob man am Shabbat die Klospülung betätigen darf – nur Verrückte.“ Gott bot Lilli eine Zigarette an und sie rauchten schweigend, bis Lilli ihre Kippe ins Feuer schnippte.
„Weißt du, eigentlich bin ich froh, dass du da bist. Seit Lilith fort ist, bin ich ziemlich … einsam. Dreieinhalbtausend Jahre sind eine lange Zeit.“ Gott ließ etwas Sand durch die Finger rinnen. Lilli beobachtete ihn. Seine Augen hatten einen dunklen Glanz. „Sie war eine bezaubernde Frau. Lilith! Klug, leichtfüßig, sinnlich.“ Er hob den Kopf und sein Blick reichte in die Sterne.
„Warum hat sie sich von dir scheiden lassen?“
„Wir waren nicht verheiratet. Nicht in dem Sinne. Der größte Fehler meines Lebens war, dass ich Adam machte. Erst wollte ich nur einen Freund, verstehst du? Man ist sehr allein hier.“
Lilli merkte sich: Mangel an sozialer Kompetenz.
„Aber der Kerl machte sich an Lilith ran und beschwerte sich bei mir! über ihre Extravaganz. Er beschwerte sich, dieser, dieser …“ Gott ließ offen, was er von Adam hielt. „Okay, dachte ich, mach ich halt noch so ein Modell. Dann ist vielleicht Ruhe. Eva. Gerade hatte ich sie fertig, gab‘s nur noch Stress. Die beiden jagten die Vögel, aßen die Kühe auf oder klauten den Hühnern die Federn. Um darin zu schlafen! Kannst du dir das vorstellen?“
Etwas unwohl blickte Lilli zu Boden. Sie konnte.
„Sogar über den scharfen Verstand meiner Lilith machten sie sich lustig und über ihre Höhenflüge, diese Tontassen.“ Er hielt inne. Tränen standen in seinen Augen, vor Wut, vor Ohnmacht, vor Trauer. Sanft strich Lilli ihm eine Locke aus der Stirn.
„Eines Morgens war sie fort. Ich weiß, dass sie seitdem bei Satan unter dem Roten Meer lebt. Er ist mein Sohn, aber das weißt du ja, und ich kann mich auf ihn verlassen. Wie gern würde ich sie einmal besuchen. Wenigstens das.“ Verzagt lehnte er sich an Lillis Schulter. „Ich kann doch nicht weg hier. Diese bekloppten Heiligen da drüben beobachten mich die ganze Zeit. Was soll ich denn machen? Sie sind die Einzigen, die noch an mich glauben.“ Endlich weinte er. Einen dunklen Fleck auf Lillis Blazer. Lilli tätschelte ihm den Rücken. Warum ihm das wohl wichtig war, dass man an ihn glaubte? An sie glaubt auch keiner und ihre Firma lief super. „Wenn keiner an mich glaubt, bin ich tot“, schluchzte er, als habe ihren Gedanken zugehört.
„Kann ich dir denn irgendwie helfen?“ Nicht, dass sie unbedingt wollte, doch der Fleck auf dem Blazer dehnte sich aus.
„Das würdest du tun?“ Hoffnung auf seinem Gesicht. Der Typ sah ziemlich gut aus, wenn er nicht heulte.
Lilli zuckte mit den Schultern und kam sich einigermaßen töricht vor. Gott helfen, klar.
„Ich habe eine Idee“, sagte er und sie hatte den Verdacht, dass die nicht spontan entstanden war. „Du trägst dieselbe Haarlänge wie ich und hast beinahe die gleiche Größe. Wir tauschen einfach die Klamotten. Die Durchgeknallten da drüben.“ Er nickte in eine unbestimmte Richtung. Sand und Steine. „Die merken gar nicht die kleinen Unterschiede.“
„Und wenn ich irgendetwas tun muss, ein Wunder oder so…?“ Hä? Was redete sie da. Sie wollte nach Hause und zwar fix.
„Mach dir keine Sorgen, ich zeige dir, wie‘s geht, okay?“ Gott strahlte. Einerseits kam Lilli alles ziemlich bescheuert vor, andererseits mochte sie den Mann nicht enttäuschen, seltsamerweise. Er hatte was …
„Also gut.“ Sie grinste. „Ich könnte in deinem Urlaub Rabatten anlegen oder ein paar Bäume wachsen lassen.“ Sie hat schon ganz andere Sachen gestemmt. „Danach zeigst du mir den Weg zurück. Deal?“
Gott betrachte sie, lange, schlug ein und machte sich in Lillis Kostüm auf den Weg. Lilli blieb.
Es war gar nicht so schlecht. Es war sogar lustig. Mal so richtig aufräumen im Paradies, das war doch mal ein Projekt. Wenn sie einmal etwas anpackte … Am siebten Tag erblühte die Wüste, Insekten schwirrten, Vögel flatterten durchs Grün und mächtige Bäume wiegten ihre Kronen im Wind.

Als der Herbst kam, wurde es Lilli langweilig. Gott hatte keine Mail geschickt, geschweige ein Zeichen.
Im See der Übersicht suchte sie – in Städten und Dörfern, auf Straßen und Plätzen, in Wald und Feld, an allen verfluchten Orten der Welt. Als sie ihn fand, loderte ihr Zorn.
Durch das Glasdach einer Leipziger Passage winkte er ihr fröhlich zu, torkelte mit Lilith im Arm und Satan im Schlepptau die breiten Stufen zu „Auerbachs Keller“ hinab. Lilli schäumte. Sie warf mit Blitzen, toste mit Donner, flutete mit Regen. Bäume stürzten, Blumen wurden niedergeschmettert, Dächer barsten. Ganz Leipzig würde sie in der Pleiße ertränken … Sie ließ das Unwetter von der Leine, bis es sich ausgetobt hatte.

Vierzig Tage später war es still, nur das Gemurmel der Gläubigen. Lilli saß erschöpft im Sand. Müde war sie und die Finsternis senkte sich. Nur die Sterne glitzerten eisig. Mühsam rappelte sie sich auf. Mit einer Handbewegung ließ sie Feuer aufflackern, es wärmte sie nicht. Außerdem hatte sie so viele Feuer gemacht – sie hatte keine Freude mehr daran. Sollte sie jemals wieder Autobahn fahren … Sollte sie je wieder einen Deal … Ach, was, Männer!
Der letzte Rest der Gläubigen murmelte. Sie holte das Folienkärtchen aus ihrer Handtasche, drückte eine Kapsel heraus und überlegte, was sie in den nächsten Jahrtausenden so machen könnte. Wo hatte Gottfried noch mal den Ton hingekippt?

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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