Der demographische Faktor oder die Freuden des Alters

Nun bin ich über die Mitte, über die Lebensmitte, hinaus gestolpert. Retrospektiv kommen mir die Jahre wie ein Augenblick vor, was wohl auch ein Zeichen des Alters ist. Ich hab noch die Klage meiner Großmutter im Ohr, wie rasend die Zeit zwischen Ostern und Weihnachten verginge.

Also heißt es … Ja, was eigentlich? Sich ein wenig mehr beeilen, damit man alles noch schafft bis zum Schluss? Geplant sind noch so vierzig Jahre plus …
Manche in meinem Alter denken bereits an die Frührente und den süßen Süden. Oder die Radtouren mit dem Kegelclub. Oder die sonnenwarmen Nachmittage auf einer Bank Blick aufs Meer.

Ich nicht.
Ich hab da keine Zeit für. Ich bin Berufseinsteiger. Mal wieder. Es ist das dritte Mal. Ich rede nicht von Weiterbildung und Fortentwicklung, die sowieso erforderlich sind, sondern von komplett neuen Berufen, für die man Ausbildung braucht und in denen man Erfahrungen sammelt.
Erst Anästhesistin, dann Psychotherapeutin.
Jetzt bin ich Schriftstellerin geworden. Das ist kein Beruf? Nun ja, es ist keine geschützte Berufsbezeichnung.
„Psychotherapeut“ war auch keine solche, bis sich Leute zusammen getan haben, um sie zu erstreiten. Es ist zu hoffen, dass sich das in der Qualität der Leistung niedergeschlagen hat. Immerhin gibt es Ausbildungsgänge und Anerkennungsverfahren dafür, Richtlinien und eine definierte Bezahlung, zumindest wenn man im System tätig ist. Es geht also um Geld, das von Krankenkassen an einzelne Therapeuten oder Einrichtungen fließt, um eine konkrete Leistung einzukaufen. 50 Minuten Richtlinienpsychotherapie, analytisch, tiefenpsychologisch fundiert oder verhaltenstherapeutisch, zum Beispiel. Das funktionierte deshalb, weil genug Menschen therapeutische Unterstützung benötigen. Ist wie mit der Milch. Milch wird gebraucht, deshalb wird Milch machen gesellschaftlich unterstützt.

Bei „Schriftsteller“ geht es nicht um Geld. Wie auch? Keine Strukturen außer den marktwirtschaftlichen, abgesehen von ein paar Preisen und Fördergeldern. Kein essentieller Bedarf. Außerdem: Schreiben kann jeder. Und wie es aussieht, macht das auch jeder. Unsere gut gebildete, gut situierte Generation kann sich das erlauben. Sehr wenige bestreiten ihren Lebensunterhalt damit. Es gibt schon jede Menge Bücher. 100 000 Neuerscheinungen jährlich kommen hinzu, heißt es. Unmöglich, dass alle, die Bücher schreiben, davon leben können.
Ausbildung und Erfahrung, Fortentwicklung und Energie braucht es trotzdem, um Texte zu schreiben, die Wesentliches, Unterhaltsames, Bedenkliches, Komisches, Radikales, Verwirrendes, Heiteres, Magisches … erzählen.

Aber: Schreiben ist eine Wahl. Man kann darüber klagen, dass es nicht oder mies bezahlt wird. Der Bergmann kann sich auch beschweren, dass er unter Tage muss, der Nachtwächter über die blöden Arbeitszeiten. Wenn man „Schriftsteller“ wählt, wird man sich damit einrichten müssen, dass der Beruf einen nicht zwangsläufig ernährt. Oder man macht Kompromisse, wie in jedem anderen Beruf auch. Kompromisse sind schmerzhaft, sonst sind es keine.

Ich bin jetzt über die Mitte, über die Lebensmitte, gestolpert und brauch keine Kompromisse mehr. Nicht in meinem neuen Beruf. Ich habe gar keine Zeit dafür. Schließlich hab ich grad mal noch vierzig Jahre zur Verfügung.
Kein Ruhestand in Aussicht also. Jedes Jahr ein Buch. Das ist der Plan.
Wer das dann alles lesen soll? Tja …

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Leben so abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Der demographische Faktor oder die Freuden des Alters

  1. Philipp Elph schreibt:

    Ein schöner Berufsneueinstieg für Dich! Und wie ich lese und sehe, ist es auch ein erfolgreicher.
    Als ich mein Berufsleben zu leben begann, wollte ich nicht mehr als 30 Jahre immer wieder das Gleiche und das ist mir auch gelungen: Vom Chemiker zum, zum, zum…., schließlich zum Rentner, der Bücher bindet, Blogger ist. Ich blicke gern auf ein bisher abwechselungsreiches Leben zurück.
    Mach weiter so!

    Gefällt mir

    • annekuhlmeyer schreibt:

      Ja, man muss einfach immer mal etwas Neues ausprobieren. Ich finde ja, dass der „Ruhestand“ dafür auch noch mal eine Möglichkeit und eine Herausforderung ist. Insofern kannst Du sicher Dinge tun, zu denen Du im Berufsleben nicht in dem Maße gekommen bist. Schön, ne?!
      Und danke für die Ermutigung!

      Gefällt mir

  2. gudrunlerchbaum schreibt:

    Wer das lesen soll? Ich zum Beispiel!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s