Frauenleben

 

Ich bin privilegiert.
Meine Eltern waren Lehrer. Die Sommer verbrachten wir an der Ostsee, den Rest des Jahres zu fünft auf 60qm. Ich habe keinen Kindergarten und keinen Hort besucht. Oma kochte, freitags gab es Fisch und sonntags Fleisch, Süßigkeiten selten.

Ich war natürlich (!) eine gute Schülerin. Oma sagte, du musst lernen, Kind, damit du unabhängig bist. Ja, Oma, sagte ich, is klar. Sie hätte auch sagen können, du musst einen Fuß vor den anderen setzen, damit du laufen kannst. Selbstverständliches muss nicht erwähnt werden, fand ich. Damals hatte ich noch die komische Idee, man müsse einfach die Dinge tun, die notwendig sind und würde zwangsläufig erfolgreich sein. Naja, ich war ein Kind, mitten im Sozialismus.

Das habe ich dann auch gemacht, also die Dinge getan, die notwendig sind.

6 Jahre Studium, inklusive 1 Jahr Kinderpause, danach 27 Jahre Arbeit in Kliniken und Selbstständigkeit, inklusive wieder 9 Monate Kinderpause, 2 Monate Arbeitslosigkeit. (Meine Söhne sind 30 und 18.) Nebenher Aus- und Fortbildungen, Notdienste, Umzüge, Wäsche und Rasenmähen. Ich bin ganz gut in meinem Job, Karriere habe ich nicht gemacht. Das Promotionsthema hat mich nicht interessiert, es war ein simples, aber ich mochte es so wenig wie die Universitätsmühle. Ich ging fort. Ich hatte ja alles, was ich brauchte. Mich und meine Blauäugigkeit.

Kann man so ein Leben erfolgreich und unabhängig nennen, Oma? Wahrscheinlich würde sie es bejahen. Vielleicht hab ich einfach Schwein gehabt, dass ich niemanden brauchte, der mich finanziert. Im Studium erhielt jeder ein Grundstipendium. Von dem konnte man zwar gerade ÜBERleben, aber man konnte. Ich hatte Kitas und später, im Westen, eine Tagesmutter in Ermanglung von Kitas. Die Kinderpause im Studium finanzierte der Staat. Meine erste Ehe scheiterte trotzdem, nicht zuletzt an den überbordenen Aufgaben. Meine zweite hält freundlich seit 23 Jahren, trotz der Aufgaben.

Also. Sieht doch alles prima aus.

Na gut. Wir leben auf dem Lande, fahren seit Jahren nicht in die Ferien, gehen selten ins Restaurant, kaufen Kleider bei der Billigkette (die trotzdem halten müssen) und wohnen mit gebrauchten Möbeln aus Studententagen. Kulturelles schaffe ich oft nicht. Ich bin einfach zu müde. Die Kinder haben wir groß gekriegt. Meine und seine, insgesamt sind es fünf. Bis auf den Jüngsten führen sie ein unabhängiges Leben, der Jüngste ist noch zu jung. Das Notwendige ist zum Großteil getan.

Nur …
Nach Israel wäre ich gerne gereist und nach Havanna.
Den Louvre hätte ich gern gesehen, die Pyramiden und Soweto.
Ich wäre so gern mit der Transsibirischen Eisenbahn gefahren, bis Wladiwostok.
Und Spanisch hätte ich gern gelernt, Aramäisch und Polnisch.
Ich hätte in Cafés sitzen mögen und wäre gern öfter zum Friseur gegangen.
Nun, das ging eben nicht. Stattdessen habe ich Kinder. Und Arbeit.

Ich bin schon wieder so müde. Die Nacht hat ihre Sterne aufgesteckt.
Aber jetzt schreibe ich noch, bevor die Zeit verstreicht, die Lebenszeit. Einen Roman. Einen, darüber, was das „gute Leben“ sein könnte und ob wir eins haben, wir Frauen und Männer. Ich würde nicht nur darüber schreiben, über das „gute Leben“, sondern damit beginnen, morgen zum Beispiel. Aber morgen ist Arbeit, Wäsche und Fortbildung. Also übermorgen. Wenn ich nur nicht so müde wäre …

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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9 Antworten zu Frauenleben

  1. Philipp Elph schreibt:

    Ja, was soll man sagen, wenn gefragt wird:“Geht’s dir gut?“?

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  2. gudrunlerchbaum schreibt:

    Ja, das wird einem immer mehr bewusst, dass sie sich nicht ausgehen wird, die Verwirklichung all der Pläne und Wünsche …
    Andererseits hast du, haben wir, das Glück, in uns Abenteuer zu finden, die wir für andere aufschreiben können. Die wahren Abenteuer sind im Kopf. (André Heller)

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  3. immekeppel schreibt:

    achtung, abgedroschene phrase: man kann nicht alles haben im leben, man muss prioritäten setzen.

    und, anne, als therapeutin weißt du doch: finger weg vom selbstmitleid, das bremst uns nur aus. spanisch kannst du immer noch lernen, das ist auch nicht schwerer als latein. und ja, du hast ein gutes leben. du musstest bisher vor keinen bomben wegrennen. du musst keine 10 kilometer weit laufen, um drei liter wasser vom brunnnen zu holen. du hast immerhin zeit und geld genug, um bücher zu schreiben. und so alt bist du nun ja auch noch nicht, dass du nicht mal nach israel reisen kannst oder auch nach kuba – das ist ja heutzutage nicht mehr so teuer. falls du demnächst doch noch mit der transsibirischen eisenbahn fahren solltest, dann ergattere mir doch eines dieser wunderbaren realsozialistischen teegläser aus zentralasiatischer manufaktur, du weißt schon, diese im ziselierten blech (falls es die überhaupt noch gibt)

    ich hab übrigens festgestellt, dass ich auf reisen in fremde orte doch immer nur dasselbe tue wie sonst auch, nur eben vor wechselnden kulissen.

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    • annekuhlmeyer schreibt:

      wenn man alles an den basics misst, haben wir ein gutes leben, ganz klar! aber kann man das? sollte man das? zum einen ist das äpfel mit birnen vergleichen, also bedürfnisse, die nicht vergleichbar sind. zum anderen würden andere bedürfnisse (gemeinschaft, anerkennung, lernen, kultur usw.) als luxusware diskreditiert. natürlich hat das ÜBERleben (sicherheit, sattsein, wohnen …) vorrang. nur reicht das für ein „gutes leben“?
      weshalb verspüren dann so viele menschen in unserm land ein unbehagen? weshalb steigt die zahl der depressiven erkrankten? alles nur luxusprobleme?
      ehrlich gesagt, glaube ich das nicht.
      aber um das näher zu beleuchten, muss ich erst den nächsten roman fertig schreiben …

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  4. Else Laudan schreibt:

    Schön, nachdenklich und bittersüß. Wenn wir – wie du (und ich) – es schaffen, als Frauen ein eigenständiges produktives Leben zu leben, gar zudem noch Kinder großzuziehen, sind wir für die gegebenen Verhältnisse enorm privilegiert. Völlig klar. Insofern hat Oma absolut recht.

    Eine verfolgenswerte soziale Utopie würde für uns allerdings mehr Spielraum enthalten. Spielraum, um uns selbst noch vielseitiger zu entwickeln, noch mehr für die Gemeinschaft zu tun, vielleicht bessere Politik machen zu helfen, mehr von der Welt kennenzulernen. Ich liebe mein leben, aber ich würde auch gern Musik machen. Romane schreiben. Mich mit viel mehr Leuten weltweit regelmäßig austauschen, voneinander wissen und lernen, und ja, auch ich hätte gern mehr Sprachen gelernt, vor allem Spanisch – das muss ich noch schaffen.

    So eine Utopie überhaupt zu denken ist nicht so einfach – zu viele Eckpfeiler der Normalität verstellen den Blick. Im Kern geht es um Verfügung über Zeit. Hier http://www.vier-in-einem.de/ gibt es einen Vorschlag dazu, der mir enorm gefällt. Den ich sogar – langfristig, vielleicht – für machbar halte. Nun ja. Es müsste nur noch schnell die Priorität unserer gegenwärtigen Gesellschaft verändert werden, die nach wie vor auf Vollzeit-Erwerbsarbeit zugeschnitten ist und alles andere lässig in den privaten Sektor verweist, sodass das Soziale mit all seinen Komponenten primär von Frauen zu leisten bleibt, die heute immerhin außerdem einen Beruf haben dürfen, solange ihre Kraft für beides reicht. An die Stelle der neoliberalen Maximen Erfolg und Profit müsste die Vorstellung einer Gemeinschaft von selbstbestimmten, sozial denkenden und fühlenden Menschen treten. Deshalb bleibt das vorerst reine Utopie. Aber es zu denken ist ein Anfang.

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    • annekuhlmeyer schreibt:

      Brauchte einen Moment, um den Artikel zu lesen. Das ist eine sehr coole Idee! Ich finde – so machen wir’s 🙂
      Wir müssen nur noch fix die gesellschaftliche Notwenigkeit schaffen. Ohne die geht ja gar nichts. Und die ist ökonomisch bedingt. Blöderweise funktioniert das aktuelle ökonomische System besser den je. Müsste man also erstmal zerstörerisch wirken, wobei ein Generalstreik der Frauen ein Anfang wäre. Ich hab das auch schon mal ein paar Freundinnen vorgeschlagen, aber es hat keine mitgemacht.
      Naja, man könnte ja zuerst die Utopie verbreiten. Das Unmögliche zu denken, ermöglicht im Jetzt eine Entlastung, gewiss im illusionären Sinne, aber das Unmögliche könnte auch in Erwägung gezogen werden. Und wenn das geschieht … wäre der erste Schritt getan.

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  5. Monika Albert schreibt:

    Ja, ich wäre auch gerne noch nach China und USA gereist oder würde überhaupt mal gerne wieder verreisen. Oft frage mich, ob das Leben schöner wäre, hätte ich Kinder gehabt … aber ob ich dann glücklicher wäre? Ich weiß es wirklich nicht!

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    • annekuhlmeyer schreibt:

      Das was-wäre-wenn kann man immer, klar. Man hat ja nu mal nur ein Leben zu leben und noch dazu vorwärts, ohne Probe. Und Glück? Ich denke, das kommt immer mal und punktuell vor. Mit und ohne Kinder.

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