Eigentlich muss man fortgehen …

Dahin, wo es nach Seetang und Sonnenöl riecht, oder nach Hühnchen mit Reis, nach Diesel und Rum, nach Staub und Tabak. Dahin sollte man gehen. Hinaus in die Welt, die abseits des Arbeitswegs liegt. Der führt mich ja nur, die gerade Straße zwischen dem Weizen entlang. Stoppschild, Bahngleise, Weizen. Links durch den Wald. Über den Hügel. Tankstelle, Kirche, Supermarkt. Rechts das Umspannwerk, das zuverlässig die Fernseher mit Strom versorgt. Dann bin ich da und mein Tag taktet sich in 50-Minuten-Lebensgeschichten. Okay, es sind gut angelegte 50 Minuten. Für die anderen. Für die meisten. Danach gehen sie mit einer Hoffnung, einer Erkenntnis, einem Lächeln, günstigstenfalls. Und kommen wieder, Woche für Woche, nach einer Weile können sie alleine weitergehen, günstigstenfalls. Gute Tage sind das, hilfreiche, wichtige, im Einzelnen. Ich weiß, ich weiß, ich weiß. Ich fahre zurück: Umspannwerk, Supermarkt. Kirche, Tankstelle, Hügel, Weizen.

Das Buch, das mich gerade bewegt, habe ich hin und wieder zurück getragen – darinnen der Geruch von dicken Zigarren, Rum und Meer.

Eine Weile bleibe ich im Auto sitzen, die Scheibenwischer knarzen den Niesel weg, und überlege, wie weit es nach Havanna wohl ist und wie sich die Luft da anfühlen mag.

Im Haus hängt der Geruch der 1950er Jahre, festgefressen in den Mauern, gleichgültig, wie viele Tapeten man darüber klebt.

Essen kochen, Wäsche, später Wein. Noch später das Buch.

In der Nacht sitze ich vor dem leeren Monitor. Keine Zeile. Fortgehen, denke ich. Und wiederkommen, na klar. Schriftsteller müssen ja immer rumreisen. Etwas sehen von der Welt. Die fremde Erde anfassen. Und dann denke ich, dass ich in einem fernen Land aufwuchs, einem, das es längst nicht mehr gibt. Einem, von dem jene, die heute fast erwachsen sind, kaum noch wissen. Und ich denke an meine Großmutter, die den Kaiser kannte, den ich nicht kannte. Sie fand ihn gar nicht so schlecht. Ich hab gesagt, Oma, der Kaiser war Scheiße. Und sie hat gesagt, Scheiße sagt man nicht. Ich hab es ihr nicht übel genommen, dass sie ein Fan vom Kaiser war. Sie war ja noch ein ganz kleines Mädchen. Achtzehn war sie in Hamburg. Da war vielleicht was los. Revolution und so. Dabei hatte sie nix am Hut mit Revolution. Sie war auf Geschäftsreise. Bist du ahnungslos auf Geschäftsreise und plötzlich ist Revolution. Sie ist nie rausgekommen aus Deutschland. Nur im Westen war sie manchmal, in Bonn, bei einem von der Regierung. Sie waren Nachbarn, als er noch nicht bei der Regierung war und ziemlich okay, damals. Er hatte nichts gegen Juden. Sie hat Schokolade mitgebracht. Eigentlich hat das alles gar nichts mit dem Fortgehen zu tun …

Als Schriftsteller muss man über die Vergangenheit schreiben. Von Ländern, die man nie betreten hat, die längst versunken sind darin. Zumindest kommt mir das so vor, wenn ich die Bücherstapel umschichte.

Ich will aber nicht. Ich will von heute schreiben.

Und ich will ans Meer. In die Steppe. In die Kneipen und Nachtlokale. In meinem Alter darf man das. Als ältere Lady wird man eh übersehen, was in dem Falle von Vorteil ist.

Als Schriftsteller darf man das natürlich nicht. Also übersehen werden. Man muss sich groß machen, größer als man ist womöglich. Keine leichte Sache das, wenn es einem nicht in die Wiege gelegt wurde. Aber erlernbar. Man kann ja das meiste lernen. Von den Narzissten kann man das lernen. Sie sind zwar nicht sehr beliebt, verständlicherweise, aber sie verfügen über Strategien, die es ihnen ermöglichen, ihr Sein im Haben zu begründen. Ob materiell oder intellektuell ist Wurscht. An der Übertreibung kann man einiges erkennen. Muss man üben sowas. Eine fremde Strategien zu erlernen ist, wie ein fremdes Land betreten.

Was mich noch lange nicht nach Havanna bringt.

Ich stecke mir eine Zigarre an, langsam, beobachte, wie die Glut sich ins Dunkel nagt, gieße einen Ron Casey ein, einen, den ich beim Weinhändler in Coesfeld erworben habe, und wippe mit der Hüfte einen Son mit. Havanna ist nur einen Katzensprung von der niederländischen Grenze weg.

Die Kubaner, die ich kannte, waren wilde Typen. Ewig besoffen, fix mit der Hand an einem runden Arsch und schnell mit dem Messer. Ich mochte sie nicht, damals im Osten. Ich wollte reden. Aber sie waren ein bisschen wie wir. Eingesperrt und arm. Sie glaubten, dass ihnen das Land gehöre. Man hatte es ihnen gesagt, wie man es uns gesagt hatte. Und dann war es weg, das Land. Unseres jedenfalls. Und mit ihm der Stolz, den Unterdrückte aufbringen können in der Gemeinschaft.

Naja, wir haben ja etwas bekommen dafür. Coca Cola und Bananen. Und die Überzeugung, dass wir selbst schuld sind an unserem Unglück. Schließlich haben wir ja nun die Freiheit – alles werden und haben zu können, was wir wollen, wenn wir uns nur genug anstrengen, ne?! Das immerhin teilen wir mit den Brüdern und Schwestern aus dem Westen als elementare negative Kognition.

Vielleicht will ich deshalb nach Havanna. Wegen des Stolzes. Und nicht wegen eines Scheißbuches, das ich schreiben will.

Über annekuhlmeyer

1961 in Leipzig geboren, lebt im Münsterland, schreibt Kriminalromane, Geschichten und dies: Blog: https://annekuhlmeyer.wordpress.com/
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